David Mitchell - Der Wolkenatlas

Originaltitel: Cloud Atlas
Roman. Rowohlt Verlag 2006
704 Seiten, ISBN: 349924036X

Was hat der Bericht eines Forschungsreisenden aus dem 19. Jahrhundert mit der Revolte von Klonen zu tun, oder gar mit einem Bericht von einem Leben nach der Zerstörung der uns bekannten Welt?

Das ist das Kunststück dieses Autors; er schafft es tatsächlich, diese Welten miteinander in Verbindung zu bringen. Während man als Leser erst noch den Forschungsbericht liest, ist man dann, nach einem abrupten Ende, mitten in einer Geschichte über einen erfolglosen Komponisten, der in Belgien ein Stück komponiert, mit der Frau seines Gönners schläft und dazwischen in eben jenen Forschungsberichten liest. Der nächste Teil erzählt von einer jungen Frau, die dieses Musikstück hört - nicht wissend, dass sie wohl die Tochter des Komponisten ist, dann gibt es einen Verleger, der den Bericht vom Abenteuer dieser jungen Frau liest, und dann kommt der Teil, den ich - obwohl ich eigentlich Science Fiction nichts abgewinnen kann - am besten fand. Dann nämlich kommen wir zu einer Welt, die mit unserer nicht mehr viel zu tun hat, und wo ein Klon, an sich nur zum Arbeiten angestellt, zu denken und sich zu emanzipieren beginnt, und damit für die Nachkommen nochmals Jahrhunderte später zum Hoffnungsträger wird…

Das Erzählkonstrukt hat seinen eigenen Reiz; der Roman im Roman im Roman, der sich über Jahrhunderte spannt und jeweils - der Zeit angepasst - auch in einer ganz eigenen Sprache verfasst ist.

Bis auf den Mittelteil, den ich allerdings wirklich ziemlich grandios fand, hat mich der Roman aber dennoch nicht überzeugt; die ersten (bzw. letzten, denn nach der Mitte werden die Romanfragmente jeweils in umgekehrter Reihenfolge wieder fortgesetzt) Teile hatten für mich einfach zu wenig Relevanz für den Rest.

Trotzdem: ein Autor, den man sich unbedingt merken muss.

David Mitchell

David Mitchell wurde 1969 in Southport, Lancaster, geboren, promovierte in Komparatistik an der University of Kent, lebte dann ein Jahr in Sizilien und zog nach Japan, wo er heute an der Universität von Hiroshima unterrichtet. Er gehört zu jenen polyglotten jungen britischen autoren, deren Thema nichts weniger als die Welt ist. Für sein Werk wurde er unter anderem mit dem Llewelyn Rhys Prize ausgezeichnet. "Chaos" ist sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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