Reginald Hill - Welch langen Weg die Toten gehen

Originaltitel: Good Morning Midnight
Krimi. Droemer 2006
560 Seiten, ISBN: 3426196913

Selbstmord, was sollte es anderes sein als Selbstmord? Pal Maciever hat sich im Arbeitszimmer des alten Familienanwesens Moscow House eingeschlossen, einen Gedichtband aufgeschlagen auf den Schreibtisch gelegt, die Flinte gegen den Kopf gehalten und mit dem Zeh den tödlichen Schuss ausgelöst.

Was also kann einen hochrangigen Polizeiinspektor wie Daziel dazu bewegen, noch in der Nacht am Tatort zu erscheinen und Pascoe, der eigentlich diensthabend ist, sehr deutlich zu verstehen zu geben, dass dieser Fall schon abgeschlossen ist bevor er überhaupt richtig beginnt?

Und was hat es mit den absurden Ähnlichkeiten mit dem Selbstmord vor 10 Jahren zu tun, als der Vater des aktuellen Toten sich auf exakt dieselbe Weise ins Jenseits beförderte? Und warum wird immer wieder Kay Kafka beschuldigt, mehr damit zu tun gehabt zu haben? Kay Kafka war damals mit Pals Vater verheiratet, und gerade mit dessen jüngster Tochter Helen in den Staaten unterwegs gewesen, als der tragische Schuss fiel. Und dennoch gibt es eine Kassette, in der der damals noch junge Sohn bezeugte, dass sie daran schuld sein müsse, und er auch noch ein paar Details nachlieferte über die Art und Weise, wie die junge Frau ihren sexuellen Hunger auch am Stiefsohn stillen wollte.

Doch Kay hatte einen mächtigen Beschützer: Dalziel höchstpersönlich, der schon damals den Fall in Windeseile auf Selbstmord beschied und auch heute noch im Bann dieser Frau zu stehen schien.

Pascoe gräbt dennoch weiter - und fördert Dinge zutage, die besser unter Verschluss geblieben wären...

Die Krimis um Dalziel, Pascoe und Wield, vor einigen Jahren bei Europa erschienen, nun bei Droemer, und in Zukunft wie es aussieht bei Ehrenwirth? sind in den letzten 3 Fällen für mich immer schlechter geworden.

Noch einmal, wie schon im letzten Fall, muss ich enttäuscht anmerken, dass dem Buch wohl gar kein Lektorat gegönnt war, sonst könnten Grammatikfehler wie hier gefunden einfach nicht vorkommen.

Aber die Hauptschuld trägt dennoch der Autor. Ein Plot, der den Namen nicht wirklich verdient, absurde Verwicklungen, unheimlich langsames in die Gänge kommen; dazu die Aussagen der Familienmitglieder, die man immer in Form von einer Art Interviewaussage präsentiert bekommt, als langen Monolog, das alles hat mich überhaupt nicht überzeugt.

Außerdem hat der Autor dann auch noch versucht, daraus eine politische Geschichte zu machen, hat Waffenhandel, Sanktionen, 09/11, die USA, den Nahen Osten, alles in ein Buch gepackt und dann ein halbgares Ergebnis präsentiert, das nicht zu überzeugen vermag.

In einer klitzekleinen Szene stolpert Pascoe dann auch noch über "Death´s Jest Book" (aus dem vergangenen Band) - und spätestens bei dieser Szene hätte einem die doppeldeutige Rolle der Dolores klar werden sollen.

Insgesamt, wenn man sich dann nur die Highlights der Handlung hernimmt, sie im Gedächtnis zusammenfügt und sich vorstellt, die erzählte Geschichte wäre wesentlich gestraffter gewesen und in sich schlüssiger erzählt, wäre es eigentlich noch ganz passabel geworden.

Leider ist dem aber nicht so - und nach den Enttäuschungen der letzten Bände bin ich mittlerweile an einem Punkt angelangt, da ich mir ernsthaft überlege, die Reihe nicht weiter zu verfolgen.

Reginald Hill

Reginald Hill, geboren in Cumbria, hat viele Jahre in der englischen Grafschaft Yorkshire gelebt, wo auch seine Kriminalromane um Chief Inspector Peter Pascoe und Detective Superintendent Andy Dalziel "spielen"

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©22.12.2006 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing