Sabine Thiesler - Der Kindersammler

Originaltitel: Der Kindersammler
Krimi. Heyne Verlag 2006
527 Seiten, ISBN: 3453024540

Alfred lebt ein unauffälliges, ruhiges Leben in Berlin-Neukölln. Seinen Nachbarn geht er weitgehend aus dem Weg, soziale Kontakte hat er kaum, arbeiten muss er nicht - seinen bescheidenen Lebensstil kann er auch anders finanzieren. Und jeden Tag ist er stolz auf sich, weil er es schafft, seine eigentlichen Gelüste im Zaum zu halten.

Bis ihm der Zufall genau das vorsetzt, was er sich am meisten wünscht: einen zarten, blonden Jungen, den er aus der Bedrängnis einiger älterer Jungen helfen kann, und der im Gegenzug einfach so mit ihm mitläuft, ohne dass er Gewalt anwenden müsste.

Die Gewalt kommt später - der Junge überlebt nicht, sollte er auch gar nicht. Aber die Art und Weise, wie er für die polizeilichen Ermittler hinterlassen wurde zeigt, dass er genau weiß, dass niemand ihn finden kann.

Es ist nicht das erstemal, dass er sich an einem kleinen Jungen vergnügt hatte; es wird auch nicht das letztemal gewesen sein. Doch in Deutschland hört die Mordserie eines Tages auf.

Dass in der Toskana immer mal wieder, im Abstand von einigen Jahren, kleine blonde Jungen verschwinden, bringt keiner damit in Zusammenhang. Auch Anne und Harald war dieser Albtraum geschehen; am letzten Tag ihres Urlaubs war ihr zehnjähriger Sohn verschwunden und wurde danach nie wieder gefunden.

Nun, zehn Jahre später, ist sie wieder an den Ort gefahren, der ihr Leben so nachhaltig zerstört hatte. Und sie hat vor, sich hier niederzulassen, hofft immer noch, auf irgendeine Weise das Rätsel zu lösen.

Wie nahe sie dieser Lösung schon sehr schnell kommt, ahnt sie allerdings nicht...

Gerade der erste Teil dieses Romans ist - trotz des abscheulichen Themas - ausgesprochen spannend und gut geschrieben. Psychologisch überzeugend, fesselnd in der Dramaturgie - ich war begeistert!

Im zweiten Teil brauchte ich dann eine ganze Weile, um mich mit dem Bruch, der nicht nur durch die zeitliche und örtliche Verschiebung begründet war, anzufreunden. Viel langsamer ist jetzt die Gangart, und man braucht auch eine ganze Weile (ich zumindest) um zu begreifen, wo denn nun der Zusammenhang mit dem ersten Teil sein soll. Dafür ist das Ende dann auch nicht ganz nach meinem Geschmack, zu starke persönliche Verwicklung der Ermittler in den Fall ..

Dennoch: insgesamt ein überraschend gut geschriebener, spannender Krimi!

Sabine Thiesler

Sabine Thiesler, geboren und aufgewachsen in Berlin, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften. Sie arbeitete einige Jahre als Schauspielerin im Fernsehen und auf der Bühne und war Ensemblemitglied der Berliner "Stachelschweine". Außerdem schrieb sie erfolgreich Theaterstücke und zahlreiche Drehbücher fürs Fernsehen (u.a. "Das Haus am Watt", "Der Mörder und sein Kind" und mehrere Folgen für die Reihen "Tatort" und "Polizeiruf 110"). "Hexenkind" ist ihr zweiter Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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