Amos Oz - Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Originaltitel: Ssipur al ahava we-choschech
Roman. Suhrkamp Verlag 2006
820 Seiten, ISBN: 3518457888

Seine Kindheit verbringt Amos Oz (Klausner) in den vierziger Jahren in Jerusalem; er, der Sohn von Eltern, die beide mehrere Sprachen sprechen, wächst nur mit einer Sprache auf, mit Hebräisch - er zumindest, das Kind, das im Land Israel geboren ist, soll diese Sprache auch wirklich richtig sprechen, sich nicht wie die Generation seiner Eltern und Großeltern in dieser Sprache nie so ganz heimisch fühlen.

Er, Amos, war ein Kind der ersten Generation in einem neuen Land; von klein auf von den Eltern mit der Leidenschaft für alles Wissen angesteckt, gehört Zeitungslektüre zu seinen Angewohnheiten, sobald er lesen kann, und alles, was zur Entstehung des neuen Staates geschrieben und gesprochen wurde, saugte er leidenschaftlich auf.

Das alles geschieht vor dem Hintergrund seiner Familiengeschichte; die Großeltern und Onkel und Tanten waren aus Odessa, aus Wilna, aus Europa nach Israel gekommen; zum Teil haben sie hier mit nichts angefangen, andere, wie Onkel Klausner, nehmen zumindest ihren beträchtlichen wissenschaftlichen Ruf mit und zählen auch hier zu den wohlgeachteten Bürgern des Landes.

In epischer Breite erfährt der Leser, wie die Familien sich in Europa entwickelt und verzweigt hatten, aber auch, wer in Europa geblieben war und die Shoa nicht überlebte.

Gleichzeitig erlebt man aber mit Oz die Geschichte des jungen Staates Israel mit; detailliert berichtet er von den Anfangsjahren, von den Kämpfen, den Terrorakten, und eine der für mich ergreifendsten Szenen behandelt die Abstimmung der UN über die Existenzberechtigung für diesen Staat Israel; es ist das die Nacht, in der der Junge das einzige Mal die Tränen in den Augen seines Vaters spürt.

Und dann ist es noch eine unendlich traurige Annäherung an das Leid der Mutter; es ist ein Abschiednehmen, ein Nichtverstehen, warum sie sich das Leben genommen hat. Diese Passagen zählen auf alle Fälle zum Besten, was ich in der Literatur bislang in dieser Hinsicht gelesen habe; Oz nähert sich ihr mit behutsamen Schritten, lässt sein Nicht-Verstehen, Nicht-Begreifen auch so stehen, versucht keine Deutung von etwas, was er nicht deuten kann.

Dieser Roman war zwar - schon aufgrund der schieren Länge - nicht immer einfach für mich zu lesen. Gerade im ersten Drittel, als Oz die Geschichte seiner Vorfahren ausbreitet, stellte sich bei mir ziemliche Unrast ein, zumal die Erzählweise auch sehr redundant ist. Dass es sich bei vielen Personen, die erst nur als Personen des öffentlichen Lebens (die ich zumindest leider ohnehin nicht kenne) erscheinen, auch um persönlich wichtige Bindungen handelte merkt man häufig erst hinterher. Auch die unzähligen Spracherläuterungen, die Amos Oz Vater sicher auch in Wirklichkeit fortwährend betrieb, haben - obwohl sie leider gleichzeitig auch sehr interessant sind - auf Dauer etwas ermüdendes.

Es ist ein Roman, der mich auf vielen Ebenen beschäftigt und interessiert hat: auf der zeitgeschichtlichen, weil ich sehr vieles für mich Neues über die Gründungsphase Israels erfahren habe; auf der politischen, weil man nach der Lektüre nicht mehr so einfach pauschal urteilen kann; und natürlich auf der persönlichen, denn es ist gleichzeitig auch ein wunderbar erzählter Familienroman.

Amos Oz

Amos Oz, gebürtig Amos Klausner am 4. Mai 1939 in Jerusalem. Israelischer Schriftsteller und Mitbegründer der israelischen Friedensbewegung Peace Now. 1992 Friedenspreis des deutschen Buchhandels

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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