Steve Tesich - Ein letzter Sommer

Originaltitel: Sommer Crossing
Roman. Kein & Aber Verlag 2006
492 Seiten, ISBN: 3036951377

Es war seine Chance auf ein Sportlerstipendium fürs College. Und er hätte nur noch 30 Sekunden durchhalten müssen, dann hätte er gesiegt - aber dann hatte er aufgegeben. Einfach so. Und sein Trainer hatte es gemerkt.

Daniel Price will an diesem Abend nicht bis nach Hause gefahren werden; an diesem Abend der Niederlage braucht er noch eine Weile, um sich wieder zu sammeln. Er will in der schönsten Straße East-Chicagos ein wenig spazieren gehen; diese eine Straße, in der er noch vor gar nicht so langer Zeit das Gefühl von Glück verspürt hatte. Und hier sieht er sie das erste Mal: Rachel. Ein junges Mädchen, schön, übermütig...

Weder Daniel Price noch seine beiden besten Freunde hatten bislang Erfahrungen mit Mädchen gesammelt. Es ist ihr letztes Jahr an der Highschool; ihr letzter Sommer steht ihnen bevor, der letzte Sommer in Freiheit. Nun müssen sie sich entscheiden, wie sie ihr Leben weiter leben wollen, welchen Job sie annehmen, da keiner von ihnen aufs College wird gehen können.

Und bislang waren sie immer unzertrennlich. Besonders für einen von ihnen, Billy Freund, ist die Vorstellung, dass sich ihre Wege nun trennen könnten, unerträglich. Immer wieder kommt er mit Vorschlägen an, welche Jobs sie gemeinsam annehmen könnten.

Doch der Zerfall hat sich schon eingenistet. Daniel zum Beispiel hat ihnen nicht erzählt, dass er sich nach dem verlorenen Kampf so lange in der Aberdeen Street rumgetrieben hatte, bis er Rachel eines Tages tatsächlich kennen gelernt hatte; hat ihnen nicht erzählt, dass er seither fast jede freie Minute dort verbringt, dass er sich Hals über Kopf in sie verliebt hat. Und sich, trotz so mancher Anzeichen, überhaupt nicht sicher ist, ob sie sich auch in ihn verliebt hat.

Seine Freunde glauben, dass er so wenig Zeit mit ihnen verbringt, weil sein Vater so krank ist, und er bei ihm zu Hause ist. Doch auch hier versagt Daniel; kein einziges Mal schafft er es, ihn im Krankenhaus zu besuchen. Und als der Vater dann zum Sterben nach Hause kommt, gelingt es ihm nicht, die Barriere zu überwinden, die zwischen ihnen besteht. Er quält sie, ihn und seine Mutter; er quält sie damit, weil er nicht so geliebt wird, wie er gerne geliebt werden möchte. Nicht so geliebt wird, wie er weiß, dass die Mutter einen anderen geliebt hat; den Mann, der es geschafft hat, dieses Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern, das ihm nie geschenkt wurde...

Es ist ein Sommer der Umbrüche für Daniel - ein Schritt auf dem Weg ins Erwachsenwerden. Und: er ist kein selbstloser, sensibler Junge - was mich beim Lesen anfangs gestört hat, erweist sich bei etwas Nachdenken als ganz eigene Qualität dieses Romans. Daniels Weigerung, am Leiden seines Vaters wirklich Anteil zu nehmen, seine Konzentration auf die eigenen Leiden, auf seine junge Liebe, auf seine FLuchtgedanken, ja, sogar sein Verrat an der Freundschaft - es macht ihn dem Leser nicht sympathischer, aber es ist zutiefst menschlich und sehr lebensnah.

Als Leser erlebt man mit, wie Menschen komplett aus dem Fokus geraten können, weil die Umstände sich ändern; die einst so enge Freundschaft endet nicht mit einem Streit, sie läuft mehr oder weniger einfach aus. Dass es dann noch zu einer dramatischen Szene mit Schlägerei kommt ist des Guten dann schon beinahe zu viel.

Am Ende des Sommers fängt Daniel an, Tagebuch zu schreiben. Nicht sein eigenes; nein, ein Tagebuch der Menschen, die um ihn herum leben, er versucht zu verstehen, was in ihnen vorgeht, was sie bewegte. Es ist sein erster Schritt weg von zu Hause.

Es gibt in diesem Buch einige ausgesprochen gute Passagen. Am beeindruckendsten für mich ist die Figur von Daniels Mutter; eine schöne, starke Frau, die sehr jung aus Montenegro nach Amerika gekommen war, die die Sprache immer noch nur rudimentär beherrschte, die diesen kleinen, lustigen Mann geheiratet hatte, den sie zwar liebte, aber nicht so leidenschaftlich, wie sie zu lieben imstande war. Und die immer auf ihrer Selbständigkeit bestand, die arbeiten ging, obwohl es nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Ihr Abschiedsgruß an Daniel ist eine Hommage an alle Mütter, die stark genug sind, ihre Kinder in die Welt hinauszulassen.

Rachel hingegen - nun, ihr "Geheimnis" wird eigentlich schon nach wenigen Seiten klar, und da der Daniel aus dem Roman wohl kaum Lolita gelesen haben würde ist auch verständlich, warum er so lange nicht versteht, was vor seinen Augen geschieht. Entsprechend flach wird die Geschichte dann auch gegen Ende, als er endlich begreift.

Mein Gesamteindruck vom Buch ist nicht so begeistert, wie ich nach den ersten 100 Seiten erwartet hätte; der Beginn ist fulminant, er verspricht eine sehr intensive, lebendige GEschichte. Und dieses Niveau kann der Autor in meinen Augen leider nicht über 500 Seiten halten; dennoch: ich habe das Buch gerne gelesen und kann es auch weiterempfehle

Steve Tesich

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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