Paulus Hochgatterer - Die Süße des Lebens

Originaltitel: Die Süße des Lebens
Roman. Deuticke 2006
250 Seiten, ISBN: 3552060278

Eine Kleinstadt in Österreich, in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Ein Großvater spielt mit seiner kleinen Enkelin Mensch ärgere dich nicht - bis ein Mann kommt, er seine Jacke auszieht, hinausgeht. Die Enkeltochter geht ihm, als ihr das Warten zu lange dauert, nach. Sie findet ihn auch, er liegt da im Schnee. Nur da, wo sein Kopf sein sollte, ist alles ganz komisch...

Die Siebenjährige erzählt nichts, sie hört einfach auf zu sprechen. Und den Großvater, dessen Kopf zertrümmert wurde - den findet man auch erst am nächsten Morgen. Kommissar Kovacs fängt an zu ermitteln. Und Raffael Horn, der Kinderpsychiater, versucht Katharina wieder zum Sprechen zu bringen.

Dazwischen erlebt man die Welt dieser Kleinstadt aus den Augen eines psychisch kranken Mönchs, eines gewalttätigen Jugendlichen, und immer wieder aus denen Horns und Kovacs.

Es ist kein schönes Bild, das sie uns hier präsentieren. Gewalt in der Familie, übersteigerte FLucht in den Glauben, mangelnde Zivilcourage; aber dazwischen auch die Landschaft, der See, die Arbeit, die Musik, und dann doch auch Menschen, auf die man sich verlassen kann, die ein Gespür haben dafür, was andere brauchen.

Angelegt ist dieser Roman wie ein Krimi, und ist doch gleichzeitig auch wieder keiner. Dazu ist die Auflösung am Ende zu beiläufig, werden so viele Fragen offen gelassen; es hat sich ja auch nur eine Kleinigkeit geklärt, die anderen Probleme bleiben weiter bestehen, wie das im Leben nunmal so ist.

Hochgatterer kann, in meinen Augen, sehr gut erzählen. Gerade wenn er die Welt durch Horns Brille zeigt, dann entstehen sehr scharfe Bilder, überzeugend in ihrer psychologischen Genauigkeit, interessant auch durch die Art, wie er sie beschreibt.

Dass ich dennoch nicht völlig überzeugt bin von diesem Roman, und ihn auch nicht für preiswürdig erachte, hat andere Gründe - es fehlt mir gleichzeitig auch etwas, etwas verbindendes, etwas, das über eine reine Schilderung einer bedrückenden Welt hinausgeht.

Wie gut gewählt der Titel allerdings ist - das versteht man erst nach der letzten Seite.

Paulus Hochgatterer

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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