Daniel Glattauer - Gut gegen Nordwind

Originaltitel: Gut gegen Nordwind
Roman. Deuticke 2006
250 Seiten, ISBN: 3442465869

Wie oft ist es euch denn eigentlich schon so ergangen, dass eine Mail im Postfach war, die ganz eindeutig für einen anderen Leser bestimmt war? Nun, ich denke, die Situation kennt jeder. Manchmal ergibt sich daraus ja auch ein kleiner Mailwechsel - so wie auch hier, in diesem Emailroman.

Emmi wollte eigentlich nur ein Zeitungsabo abbestellen - allerdings landeten ihre Kündigungsschreiben sämtlich in Leos Posteingang. Ein kurzer Mailwechsel, ein Hinweis auf die falsche Adresse - das könnte es gewesen sein. Doch eine kleine Provokation an der rechten Stelle, eine Antwort, ein interessanter Kommentar ergibt den nächsten.

Aus dem belanglosen Schlagabtausch wird bald mehr. Die Mails sind witzig - und sie bieten eine Gelgenheit, so ganz ohne Erwartungsdruck und Verstellung von sich selbst zu erzählen, von den Themen, die einen gerade beschäftigen. Was anfangs nur eine kleine Ablenkung im Arbeitsalltag ist, wird immer intensiver. Immer wieder stellt sich auch einer der beiden die Frage: ist das noch gut, was wir hier machen? Sollten wir mit dieser Form der Kommunikation nicht lieber aufhören? Oder uns treffen, uns in der Wirklichkeit begegnen?

Beide wissen aber auch: es kann kein unbefangenes Kennenlernen mehr werden. Die gefühlte Vertrautheit ist zu intensiv, die Vorstellung vom anderen immens. Und außerdem ist Emmi verheiratet. Glücklich verheiratet, wie sie immer wieder betont. Und Leo? Der trauert seiner Exfreundin hinterher. Bis Emmi beschließt, ihn zu verkuppeln...

Ja, es klingt alles sehr banal, was man über die Handlung dieses Romans erzählen kann. Es klingt nach "Email für dich", nach Kitsch, nach süßlichem Verlieben.

Dass diese Klippen aber meistens dennoch umschifft werden können, spricht in meinen Augen sehr für die Fähigkeit des Autors. Beide, Emmi und Leo, sind als sehr sprachbegabte, intelligente und hinterfragende Protagonisten angelegt. Die Mails wirken in vieler Hinsicht echt, spontan, sind Bild für die einerseits übersprudelnde Emmi, oder den sachlicheren Leo. Dass man sich in jemanden, der so schreibt, verlieben kann - ja, man kann es nachvollziehen. Auch das Gefühl der Eifersucht, wenn dann zum Beispiel Leo abends wieder häufiger ausgeht. Die Ungewissheit, wenn über einen längeren Zeitraum die Mails ausbleiben. Die Angst, etwas falsches, zu verletzendes geschrieben zu haben. Die Grenzen, die in dieser Form der Kommunikation liegen.

Ja, er hat mir gefallen, dieser Roman. Er trifft in gewisser Weise den Zeitgeist. Zu diesem Zeitgeist will allerdings so gar nicht passen, dass zwei Menschen zwischen 30 und 40 sich in ihren Mails fast ein Jahr lang nur siezen, so viele Intimitäten sie sich auch schon geschrieben haben. Es liest sich charmanter, keine Frage - aber es wirkt dadurch auch seltsam geschraubt.

Eigentlich ein Roman, den ich als gute Sommerlektüre bezeichnen würde.

Daniel Glattauer

Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, ist seit 1985 als Journalist und Autor tätig und schreibt für die Tageszeitung Der Standard.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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