Valerio Varesi - Die Pension in der Villa Stella

Originaltitel: L`affittacamere
Krimi. Kindler Verlag 2006
288 Seiten, ISBN: 3463404877

Es ist kurz vor Weihnachten. Commissario Soneri genießt die Stille auf den Fluren - die meisten Kollegen sind schon im Weihnachtsurlaub. Nur eine alte Frau, die den Hof der Polizeistelle betritt, erregt seine Aufmerksamkeit. Irgendwie kommt sie ihm bekannt vor. Und richtig: nur wenige Minuten später erfährt er, dass nach ihm gefragt wird. Doch das Anliegen, eine Nachbarin, die seit einigen Tagen die Tür nicht öffnet, kommt ihm zu gering vor, und so verweist er sie an seinen Untergebenen.

Durch die Tür hört er dann aber doch, wer hier vermisst wird. Es ist Ghitta, die Pensionswirtin in der Via Saffi 35. Die Neugierde treibt ihn jetzt doch ins Nachbarbüro, denn Ghitta, die kennt er persönlich, sie gehört zu seiner Vergangenheit. Aber als er versucht, die alte Dame noch näher zu befragen, ist sie bereits weg - und sie bleibt es auch, sie kehrt in den nächsten Tagen auch nicht zurück in ihre Wohnung.

Dass es sich bei Ghitta um Mord handelt ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Der Täter wusste wohl genau, was er tat, wie er sie so verletzen konnte, dass die Wunde tödlich und dennoch unblutig war. AUch die Tatwaffe wird wenig später in einer Kirche gefunden - ein Messer, wie es zum Schlachten von Schweinen am Land immer noch verwendet wird.

Instinktiv wehrt Soneri sich, diesen Fall zu bearbeiten. Er spürt, dass er darin auch auf seine eigene Vergangenheit stoßen wird - und das ist es dann auch, was passiert. Hier, vor dieser Pension, hatte er vor vielen Jahren seine Frau Ada kennengelernt, die bei der Geburt des einzigen (totgeborenen) Kindes gestorben war. Ada hatte während ihrer Ausbildung hier gelebt.

Aber die Pension war längst schon kein billiges Quartier mehr für Studenten. Wie Angela, Soneris Freundin, sofort zu berichten wusste, genoss sie mittlerweile den Ruf als Stundenabsteige, die vor allem von verheirateten Paaren genutzt wurde - und erstaunlich viele große Namen aus der Stadt waren bei den Gästen zu finden! Nicht, dass Ghitta so unvorsichtig gewesen wäre, ihre Kunden namentlich zu notieren, ihr Spitznamen waren eigentlich nicht zu entschlüsseln. Doch nicht nur Soneri liebte es, nachts durch die Gegend zu schlendern - auch andere, die ihm die gewünschten Informationen dann auch peu a peu zukommen ließen.

Und immer klarer wurde dadurch auch, dass dieser Mord wohl nicht nur einen persönlichen, sondern auch politischen Hintergrund hat...

Wie schon beim ersten Krimi dieser Reihe fand ich auch diesmal die eigentliche Ermittlungsarbeit sehr an den Haaren herbeigezogen - das ist es auch bei vielen anderen Krimis, aber in anderen Fällen stört es mich weniger, vielleicht, weil es auf andere Weise Raum einnimmt. Hier wird der Commissario ja dennoch in sein Polizeiumfeld gebettet - und hat dennoch tagelang Zeit, einfach nur durch die Straßen zu stromern und hier und dort fast beiläufig ein paar Informationen aufzuschnappen. Die Papierarbeit erledigt in der Zwischenzeit sein Untergebener...

Gefallen haben mir aber die Erzählungen über die politischen Strömungen in Italien in den sechziger Jahren, die auch hier wieder eine große Rolle spielen.

Kein unbedingter Reißer - aber ein netter Krimi für zwischendurch.

Valerio Varesi

Valerio Varesi wurde 1959 in Turin geboren. Er studierte Philosophie in Bologna, bevor er sich dem Journalismus verschrieb. Er arbeitete unter anderem für die bekannte Zeitung „La Repubblica“.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©10.08.2006 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing