Honore de Balzac - Die Frau von dreißig Jahren

Originaltitel: La femme de trente ans
Roman. Insel Verlag 1996
223 Seiten, ISBN: 3458347070

Dieses Buch, das uns nun in Romanform vorliegt, ist ursprünglich in Form von sechs Erzählungen erschienen, die auch nicht in der zeitlichen Reihenfolge entstanden sind, wie sie hier aneinandergefügt wurden.

Als Leser begegnet man zuerst einem jungen Mädchen mit seinem Vater, das sich ziemlich heftig in einen jungen Offizier verliebt hat. Und gegen die Warnungen des Vaters schafft sie es auch, diesen Mann zu heiraten - und wird dann mit ihm zutiefst unglücklich. Die Ehe ist gar nicht so, wie sie es sich in ihren jungmädchenhaften Schwärmereien ausgedacht hatte; als ihr Mann sie, da Paris aus Kriegsgründen zu bedrohlich wird, zu seiner Tante verfrachtet, erlebt sie einerseits noch einmal die stille, unaufdringliche Huldigung eines englischen Kavaliers, und offenbart ihren Kummer schließlich auch der Tante.

Das nächste Mal begegnen wir ihr einige Jahre später wieder. Die junge Frau ist mittlerweile Mutter; immer noch ist sie unglücklich mit ihrem Mann, und nun hat sie auch noch entdeckt, dass er sie mit einer anderen betrügt. Doch soll sie sich nun ihrem Schmerz hingeben und sterben - was wird dann aus ihrer Tochter? Nein, sie beschließt, zu kämpfen, ihm noch einmal zu zeigen, was für eine wunderschöne Frau er hat. Ihre List gelingt.

Da taucht der Engländer wieder in ihrem Leben auf; und langsam, ganz langsam, gewinnt er ihr Herz, er, der soviel zarter und behutsamer ist als ihr rüpelhafter, bodenständiger Ehemann. Es ist eine keusche Liebe; nachdem er sich offenbart hat, wird ihm verboten, sie wiederzusehen. Eine Liebe, die tödlich ist...

Und dieser Ausgang, dazu die Erkenntnis, was ihr Ehemann ihr vorenthält, führt zu einer weiteren Liebschaft, der dann auch mindestens ein Kind entspringt. Dem Ehemann ist dies nicht klar. Im absonderlichsten Kapitel des Buches erlebt man erst die Eintracht zwischen den Eheleuten, das Spiel mit den Kindern, ehe ein Verfolgter an die Tür klopft und um Unterschlupf bittet. Er wird ihm gewährt - doch als er geht, nimmt er Helene, die älteste Tochter, mit sich, die in sofortige Liebe zu ihm entbrannt war...

Soweit ich aus der Biographie des Autors weiß, gab es bei ihm immer wieder Phasen, in denen er dringend Geld brauchte, und diesen Umstand manchmal durch schnell hingeschriebene Geschichten auszumerzen versuchte. Nun: der hier vorliegende Band erscheint mir als genauso ein Versuch. Es ist eine wilde Mischung aus allerlei Stilen; ein bisschen Graf von Monte Christo (das fünfte Kapitel, in dem der junge Mann Zuflucht sucht, Helene mit sich nimmt und dann Jahre später vom Marquis auf See gerettet wird...), ein bisschen Kameliendame, etwas Stendhal (wobei ich nicht sagen möchte, Balzac hätte abgeschrieben - ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, obs die Bücher zu der Zeit schon gab).

Aber auf alle Fälle hat sich bei mir der Eindruck einer eindeutigen Effektschreiberei in diesem Fall festgesetzt. Es ist eindeutig dafür geschrieben, ein möglichst großes Publikum zu unterhalten, ein wenig a la Dan Brown heute.

Auch die Einblicke des Autors ins Seelenleben eines jungen Mädchens, einer Frau, empfand ich als ziemlich misslungen.

Dennoch - es gab auch gute Passagen. Zum Beispiel die Einsicht, dass sie als Mutter ihr ältestes Kind einfach nicht wirklich zu lieben imstande ist, weil sie immer den Vater in ihm sieht; diese Erkenntnis wirkt echt und zum Nachdenken anregend.

Insgesamt aber habe ich mich durch dieses Buch eher gelangweilt und für mich daraus den Fazit gezogen: auch gute Autoren haben schlechte Bücher geschrieben, und nur weil ein Autor zum literarischen Kanon gezählt wird, heißt es nicht, dass alle seine Bücher etwas taugen…

Honore de Balzac

Honoré de Balzac

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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