Julie Myerson - Deine Geschichte

Originaltitel: The Story of You
Roman. Bloomsbury Berlin 2006
333 Seiten, ISBN: 3827006678

Tom hatte alles so schön geplant. Ein langes Wochenende in Paris, ein schickes Designerhotel, die Kinder gut versorgt - vielleicht würde Nic es dann auch schaffen, nicht dauernd an das eine Kind zu denken, dass sie durch einen tragischen Unfall verloren hatten, und dessen Verlust sie beide auf ganz unterschiedliche Weise zu verarbeiten suchten.

Die Kälte, der Schnee... das alles ruft Nic aber wieder eine Zeit in Erinnerung, als sie neunzehn war und in einer heruntergekommenen Wohngemeinschaft lebte; Wärme gabs nur durch schlecht funktionierende Gasöfen, und Geld war so knapp, dass es auch dafür nicht immer reichte. Und da gabs einmal eine Nacht, die Nacht mit der Perlenkette, als einer ihrer Mitbewohner bei ihr die nötige Nestwärme suchte und fand. An ihn also muss sie nun dauernd denken; daran, dass sie damals noch Rosy war... und zu ihrer großen Überraschung erhält sie dann ausgerechnet in Paris eines Morgens von der Rezeptionistin eine Nachricht von ihm, den sie vor vielen Jahren schon aus den Augen verloren hat. Und sie trifft ihn, in einem kleinen Cafe ... aber hat sie ihn wirklich getroffen? Denn plötzlich ist sie wieder allein.

Es verstört sie - aber auch Tom, dem sie davon erzählt, auch von ihrer Unsicherheit.

Wieder zurück in London, erhält sie dann eine Mail von ihm; eine Mail, aus der ihr endgültig klar wird, dass sie ihn nicht wirklich getroffen haben kann. Denn er will nach London kommen, zurück aus den Staaten - und er würde sie gerne wiedersehen. Schnell werden sie sich in ihren Mails immer vertrauter, und bald steht ihr Gefühlsleben Kopf und alle bisherigen Sicherheiten entgleiten ihr...

Ich hatte mir durch den Klappentext eigentlich eine doch etwas andere Geschichte erwartet. Eine, die sich mehr mit dem wirklichen Leben auseinandersetzt, in der nicht ganz so viel Mystisches vorkommt und die etwas handfester, greifbarer ist. Dazu kommt, dass der Roman zu einem sehr großen Teil in Dialogen geschrieben ist, und diese Gespräche bzw. Mailkonversationen dann das Niveau eines "Baby ich liebe dich so sehr" "ich liebe dich auch" "Oh Baby" "Ja ich weiß" usw. über sehr lange Zeit nicht übersteigen...

Natürlich ist der Verlust eines kleinen Kindes tragisch, die Schuldgefühle etc. erdrückend - aber dennoch berührte es mich in diesem Roman so gar nicht. Ein Thema, bei dem ich normalerweise fast sicher Tränen in den Augen gehabt hätte, hat mir hier keine Anteilnahme entlockt, weil keine der Figuren für mich "wirklich" wurde.

Ich war eigentlich durch die Booker-Nominierung vor einiger Zeit auf die Autorin aufmerksam geworden; nach diesem Buch jetzt habe ich eigentlich keine Lust mehr, es noch einmal mit einem anderen Titel von ihr zu versuchen.


Achtung SPOILER!!!! Hier bitte nur weiterlesen, wenn man das Buch schon kennt bzw. ohnehin nicht lesen möchte...


Die eigentliche Idee, dass die emotionale Wahrnehmung der Protagonistin so stark ist, dass sie den einstigen Freund nun, da er im Sterben liegt spürt, so, wie sie auch in der Nacht vor der Empfängnis der Tochter gespürt hat, dass sie ein Mädchen haben würde, dass eine Bekannte im Sterben liegt etc, ist ja noch gar nicht so schlecht. Aber der Roman ist so aufgebaut, dass er eigentlich von der Spannung lebt, ob das alles nun wirklich geschieht - leider war das aber schon sehr früh nicht mehr spannend, weil eigentlich klar war, dass es hauptsächlich in ihrem Kopf geschieht, dass es ihre Art ist, Abschied zu nehmen.

Schade!

Julie Myerson

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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