Per Petterson - Sehnsucht nach Sibirien

Originaltitel: Til sibir
Roman. S. Fischer Verlag 2006
219 Seiten, ISBN: 3596143993

Eine mittlerweile - wie aus dem Text hervorgeht - ca. 60jährige, namenlose Frau erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Dänemark. Ihr Vater stammt ursprünglich von einem großen Bauernhof; es war sein sehnlichster Wunsch, am Hof zu bleiben, dort zu arbeiten. Doch so hart er auch arbeitete - er war dort bloß geduldet, war ein Dorn im Fleisch, und so wurde ihm dann nur ermöglicht, dass er eine kleine Werkstatt in der nächstgelegenen Stadt einrichten konnte. Die Mutter stammte aus einer Fischerfamilie; stolz auch sie, aber vor allem zutiefst religiös.

In dieser Enge wachsen das Mädchen und ihr älterer Bruder Jesper auf. Sie ist ein sehr mutiges Mädchen, spielt bei allen Jungensspielen mit, kann ebensogut radfahren wie der Bruder, hat Kraft und Energie; nur die langen schweren Locken zeigen deutlich, dass sie ein Mädchen ist.

Es ist ein Leben zwischen wilder Freiheit in der Zeit, da sie sich mit ihrem Bruder fortstielt, voller Geschichten von Schmugglern, Strandräubern, Ideen aus Büchern, Träumen von Sibirien und Marokko - und strengen Regeln, Verboten und unverständlichem Verhalten der Erwachsenen. So etwas wie persönliches Glück ist in diesen Leben nicht vorgesehen... der Großvater erhängt sich, weil er es nicht mehr erträgt, und die beiden Kinder stellen diese Aussage gar nicht erst in Frage.

Und dann kommen die Deutschen. Nein, es gibt keinen Krieg, nur ein kleines Scheingefecht an der Grenze; ansonsten wird ihnen aufgetragen, sich so natürlich zu verhalten wie bisher. Das ist für den politisch seit langem sehr wachen Jesper nicht genug; er schließt sich einer Widerstandsgruppe an - bis er selbst fliehen muss, übers Meer nach Schweden...

Was aus der Schwester in diesen letzten Kriegsjahren in Dänemark wird erfährt man nicht; nur, dass sie trotz ihrer exzellenten Noten die Schule nicht weiter besuchen darf. Und nach dem Krieg sofort aufbricht, erst nach Kopenhagen, dann nach Stockholm, nach Oslo - für Sibirien hat das Geld nicht gereicht. Den Bruder aber soll sie nie mehr wiedersehen...

Ich hatte mich nach "Pferde stehlen", einem Buch, das für mich wunderbar still geschrieben ist, sehr schöne Beobachtungen in sehr klarer Sprache bietet und in vieler Hinsicht zum Nachdenken anregt schon sehr auf den ersten Roman des Autors gefreut.

Aber leider wurde ich in meiner Erwartungshaltung doch sehr enttäuscht. "Sehnsucht nach Sibirien" ist aus der Perspektive eines Mädchens, einer Frau erzählt, und trifft diesen Ton in meinen Augen nicht. Es ist eine nebulös bleibende Geschichte über eine Kindheit und Jugend, ein trauriges Schicksal ohne dabei aber rein dramaturgisch einen wirklichen Spannungsbogen zu bieten. Für sich genommen sind die einzelnen Episoden durchaus bildstark - der sich erhängende Großvater, die Szene mit den Betrunkenen in der Kneipe, der Gestapo-Mann... - aber trotzdem blieben für mich alle Protagonisten seltsam blutleer, hat mich die Geschichte nicht berührt.

Per Petterson

Per Petterson, geboren 1952 in Oslo, ist ausgebildeter Bibliothekar und arbeitete als Buchhändler und Übersetzer, bevor er sich als Schriftsteller etablierte. Für seien Roman "Pferde stehlen" wurde er mit dem Independent Foreign Fiction Prize und dem IMPAC Literaturpreis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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