Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon

Originaltitel: Nachtzug nach Lissabon
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2006
495 Seiten, ISBN: 3442734363

Es ein Tag wie jeder andere, Raimund Gregorius, genannt Mundus, ist auf dem Weg zur Schule, um da wie jeden Tag seit urewigen Zeiten zu unterrichten. Da sieht er auf der Brücke eine Frau, die, wie ihm scheint, hinunterzuspringen droht. Er rettet sie; und diese kurze Begegnung, der minimale Wortwechsel (außer, dass sie portugiesisch spricht, weiß er kaum etwas von ihr) reicht aus, um ihn völlig aus der Bahn zu werfen.

Er steht mitten im Unterricht auf und geht, verschwindet, stiehlt sich aus seinem eigenen Leben. Ein Buchfund im Antiquariat macht die Sache dann komplett, denn hier stößt er auf das Buch eines Portugiesen, das ihn von der ersten Seite an gefangen nimmt; dabei spricht er noch nichtmal portugiesisch.

Trotzdem macht er sich auf nach Lissabon, will mehr über den Autor in Erfahrung bringen - und unglaublicherweise gelingt ihm das auch, er trifft auf immer mehr Menschen aus dessen Vergangenheit, und langsam, aber sicher, bekommt er ein Bild von diesem Mann, der vor 30 Jahren gestorben ist.

Arzt war er; nicht der Beruf, zu dem ihn seine Leidenschaft getrieben hätte, aber der Wunsch des Vaters, der an einer schweren Krankheit mit chronischen Schmerzen litt. Aber er war ein beliebter Arzt; zumindest solange, bis er eines Tages einem Menschen das Leben rettete, den viele lieber tot gesehen hätten, einer der gefürchtetsten Gestalten unter Salazar. Der Wunsch, etwas wieder gut zu machen, brachte ihn dann dazu, in den Widerstand zu gehen.

Stück für Stück also erfährt Mundus immer mehr von diesem Mann. Und fast jeder der alten Freunde des Arztes hat irgendwelche Schriftstücke, die dieser verfasst hatte, und die nun Mundus zum Lesen gegeben werden...

Ja, man merkt wahrscheinlich schon: meine Begeisterung für dieses Buch ist nicht groß. Ich hatte relativ hohe Erwartungen daran, einerseits, weil ich die beiden anderen Bücher des Autors sehr gerne gelesen hatte, und dann auch, weil gerade dieses in den Medien so hymnisch besprochen wurde.

Aber ach... Mundus wird auch Papyrus genannt, der Papierne - und so sind die einzelnen Gestalten in diesem Buch auch, aus Papier, sie werden nicht lebendig, die Beweggründe bleiben hölzern und nicht nachvollziehbar, die Geschichte ist gnadenlos überkonstruiert.

Ja, ich habe mich gelangweilt. Und geärgert. Schon alleine diese Gestalt des Arztes, der so unglaublich toll war, dem so viele Menschen über einen so langen Zeitraum nach seinem Tod hinweg noch auf eine Art die Treue halten, die mir widernatürlich, ja krankhaft erscheint, fand ich absolut überzogen. Wenn man diese Beschreibungen liest, wie hier jeder Mensch, der mit Amadeu zu tun hat, völlig von ihm eingenommen ist, mit Ehrfurcht von ihm spricht, dann bedauert man, dass der Autor es nicht geschafft hat, etwas von dessen Charisma auch ins Buch transportieren zu können.

Auch sonst gab es unendlich viele Kleinigkeiten, die mich genervt haben. Dass keine eigene Sprache für die einzelnen Figuren geschaffen wurde zum Beispiel. Dass jeder im selben Tonfall, mit derselben Schwulstigkeit zu sprechen hat. Und dann noch die Briefe! Da schreiben sich Vater und Sohn Briefe, die sie beide nie abschicken. Und trotzdem beziehen sie sich darin auf exakt dieselben Vorkommnisse, antworten quasi auf die Fragen, die der andere ihm innerlich stellte... das ist zu glatt, zu langweilig, so funktioniert Leben nicht!

Als der Autor für seine Hauptfigur die Beschreibung eines Menschen, der auch Papyrus genannt wird geschrieben hat, hat er gleichzeitig den größten Vorwurf formuliert, der diesem Buch zu machen ist: es bleibt Papier und wird nicht im mindesten lebendig. Schade!

Pascal Mercier

Pascal Mercier heißt im richtigen Leben Peter Bierri. In der Schweiz aufgewachsen, lehrt er heute Philosophie an der FU in Berlin

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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