Alice Munro - Tricks

Originaltitel: Runaway
Roman. S. Fischer Verlag 2006
300 Seiten, ISBN: 3100488261

Drei der Erzählungen im hier vorliegenden Band sind lose miteinander verknüpft - und sind für mich auch die, die mich am stärksten beeindruckt haben:

Es geht um Juliet, eine junge Lehrerin, die anfangs froh ist, einen Aushilfsjob als Lehrerin bekommen zu haben. In der Kleinstadt aus der sie stammt ist ihre Intelligenz auffällig wie "ein lahmes Bein oder ein zusätzlicher Daumen"; ihre Eltern sind für diese Kreise schon erstaunlich unkonventionell, und sie, Juliet, hat die Chance, zu studieren und es noch weiter zu bringen.
Aber gleichzeitig ist tief in ihr auch die Sehnsucht danach, einfach nur "Frau" zu sein; sie hatte einst einen Mann kennengelernt, der aber noch in einer Beziehung lebte. Jetzt, nach so langer Zeit, hat er ihr geschrieben. Und sie? Sie fährt hin. Und kommt gerade zum Begräbnis seiner Frau - und sie bleibt.
Sie bleibt länger, als sie sich hätte vorstellen können; bald kommt eine Tochter. In der zweiten Erzählung ist sie mit der Kleinen bei ihren Eltern; die Mutter verfällt zusehends, der Vater findet Halt an der Haushaltshilfe - und mit Entsetzen muss Juliet lernen, dass ihre unkonventionelle Beziehung, die Tatsache, dass sie von einem Mann ein Kind hat, ohne ihn geheiratet zu haben, ihren Vater den Lehrerposten gekostet hat.
Noch ein paar Jahre später lebt Juliet wieder in der Stadt; der Vater ihrer Tochter ist gestorben. Und Penelope? Die ist eines Tages auch verschwunden, schrieb lange Jahre noch zum Geburtstag Karten als Lebenszeichen, aber ein näherer Kontakt war nicht mehr möglich.

Das alles wird auf ganz eigentümliche Weise erzählt; einerseits sehr knapp und kühl, distanziert; aber doch auch sehr genau beobachtet. Mich hat anfangs beim Lesen der sprunghafte Wechsel der Erzählzeit sehr irritiert; nach einer Weile gewöhnt an sich daran, wie auch daran, hinter das Offensichtliche zu blicken und die Geschichte mehr aus den Lücken entstehen zu lassen als aus dem offensichtlich Erzähltem; denn das ist Munroes eigentliche Spezialität in meinen Augen.

Es sind nicht alle Erzählungen von dieser Eindringlichkeit; einige haben sich mir so gar nicht ins Gedächtnis gebrannt. Und ganz grundsätzlich habe ich einfach trotzdem immer noch ein Problem mit Erzählungen, weil sie für mich einfach zu kurz sind, mich schon wieder hinausdrängen, wenn ich gerade beginne, mich in einer Geschichte heimisch zu fühlen. Deshalb wohl war es auch gerade die Verbindung der drei Erzählungen, die auf mich den stärksten Eindruck gemacht hat.

* Tricks

Alice Munro

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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