Vikram Seth - Zwei Leben

Originaltitel: Two Lives
Roman. S. Fischer Verlag 2006
533 Seiten, ISBN: 3100725212

Zwei Leben? Nein - eigentlich sind es drei Leben, von denen Vikram Seth hier erzählt. Die Lebensgeschichte seiner Tante Henny und seines Onkels Shanti - und damit verknüpft seine eigene.

Als Siebzehnjähriger war er, im Rahmen seines Schulabschlusses in England und danach seines Studiums, zu seinen kinderlosen Verwandten gezogen. Gezwungen, für sein Studium eine zweite europäische Fremdsprache zu lernen, entscheidet er sich für Deutsch - immerhin hat er nur ein halbes Jahr dafür zur Verfügung, und da sowohl Henny als auch Shanti fließend Deutsch sprechen, sind sie in der Lage, ihn dabei zu unterstützen. Er wird für das Paar wie ein Adoptivsohn; er lebt mit ihnen, singt mit Henny Schubertlieder, lässt sich Geschichten erzählen. Nur eine Geschichte ist nie dabei: wie es Hennys Familie im zweiten Weltkrieg erging.

Erst nach Hennys Tod wird, angestoßen von Vikrams Mutter, die Idee geboren, einen Roman über das Leben dieses so ungleichen Paares zu schreiben; auch danach dauert es noch eine Weile, bis Vikram wirklich damit beginnt, in langen Sitzungen mit dem schon merklich abbauenden Onkel dessen Leben zu rekapitulieren. Hennys Anteil daran, so scheint es erst, wird nur indirekt sein, nur das, was Shanti über sie zu erzählen weiß; denn nach ihrem Tod hat er beinahe alles vernichtet, was ihn an sie erinnerte. Nur einen Koffer, der zufällig im Dachboden des Hauses gefunden wird, nicht - und darin befinden sich Briefe, die Henny nach dem Krieg geschrieben und erhalten hatte.

Aber der Reihe nach. Shanti war in Anfang der dreißiger Jahre nach Berlin gekommen, um hier Zahnmedizin zu studieren. Er quartiert sich bei einer Familie in Charlottenburg ein; bald schon ist er allerdings viel mehr als nur ein Untermieter. Die beiden Töchter nehmen ihn in ihren Freundeskreis auf, ein sehr bunter, internationaler Kreis; man unternimmt Bootstouren, Wanderungen, Skiausflüge, feiert gemeinsam ein Weihnachtsfest, obwohl kaum jemand christlichen Glaubens ist. Shanti promoviert, sein Professor hätte ihn gerne als Assistent - doch wir schreiben das Jahr 1935. Nichtarier erhalten keine Zulassung als Zahnarzt; Shanti ist gezwungen, aus Deutschland wegzugehen.

Er entscheidet sich für London. Und wenige Jahre später, kurz vor Ausbruch des Krieges, gelingt es Henny noch, ebenfalls nach London zu kommen, hier Arbeit zu finden. Dass sie den Rest ihrer Familie nie wieder sehen wird, kann sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Henny ist zu dieser Zeit in festen Händen; Hans ist ebenfalls ein guter Freund von Shanti, der schon damals in Henny verliebt war, ihre Beziehung aber respektierte.

Das ändert sich während des Krieges ein wenig; Shanti geht zur Armee, wird erst in Afrika stationiert, dann in Italien - und schreibt sehnsuchtsvolle Briefe an Henny in London, die vermuten lassen, dass sie sich zwischenzeitlich ein wenig näher gekommen sind.

Kurz vor Ende des Krieges wird Shanti schwer verletzt - er verliert seine rechte Hand, seine Lebensgrundlage. Wie soll er als Zahnarzt arbeiten, ohne seinen rechten Arm benutzen zu können?

Er meistert auch diese Hürde, wie so vieles in seinem Leben. Und spät, einige Jahre nach dem Krieg erst, heiratet er Henny. Sie sind ein ungleiches Paar - und doch ein ungemein glückliches, bis zu Hennys Tod. Sie teilen vieles, fast alles - nur eines nicht: Henny spricht nie mit ihm über ihre Familie. Was sie hier nach dem Krieg bewegt, welche Fragen sie quälen - das findet sich dafür in ihren Briefen, in denen sie nachbohrt und wissen will, wer von ihren Freunden wie Stellung bezogen hat. Wer sich bis zum Schluss um ihre Schwester, ihre Mutter gekümmert hat, ihnen Lebensmittel gebracht hat. Es sind diese schlichten Briefe, die für mich das Beeindruckendste an diesem Lebensbericht sind; diese Briefe, in denen Henny versucht, zu verstehen, versucht, ihren Platz in diesem Kreis wiederzufinden.

Es gibt auch einige Passagen, die ich weniger lesenswert fand; vieles kennt man gerade als deutschsprachiger Leser schon aus sehr vielen anderen Romanen, und was hier für eine nichteuropäische Leserschaft erzählt wird, hatte zumindest für mich kaum neue Erkenntnisse gebracht. Womit ich stellenweise auch Probleme hatte, war die holprige Sprache - ich vermute, es lag an der Übersetzung, bislang war mir das bei diesem Autor noch nicht aufgefallen. Gerade auch die Bildunterschriften musste man teilweise mehrmals lesen, um aus dem kruden Deutsch den tatsächlichen Sinn herauszulesen.
Ja - Bildunterschriften. Ein weiterer Punkt, der mir an diesem Roman wunderbar gefallen hat, sind die Fotos, die beigefügt wurden, die dieses ungewöhnliche Leben noch weiter dokumentieren. Auch, dass die Wechselwirkungen mit der indischen Verwandtschaft immer wieder eingeschoben werden, Seth auch vom Leben seiner Eltern erzählt, und vor allem auch von seinen Anfängen als Schriftsteller, seiner Arbeit an "Eine gute Partie" - es hat mir das Gefühl gegeben, wirklich teilzuhaben an diesen Leben.

Trotz einiger kleiner Mängel - es ist ein Buch, das ich sehr gerne weiterempfehle!

Vikram Seth

Vikram Seth wurde 1952 in Kalkutta geboren. Er studierte in Oxford und promovierte in Stanford. Seth lebte eine Weile in China und übersetzte dort die großen Lyriker des Landes. Heute wohnt er abwechselnd in Neu-Delhi und London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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