Charles Lewinsky - Melnitz

Originaltitel: Melnitz
Roman. Nagel & Kimche 2006
776 Seiten, ISBN: 3312003725

"Immer, wenn er gestorben war, kam er wieder zurück" - mit diesen Worten beginnt dieser dickleibige Familienroman. Und sorgte zumindest bei mir auf den ersten Seiten durchaus für eine gewisse Irritation, denn diesem Ahasver zu lauschen, der als Gast auf seine eigene Beerdigung kam und der auch im Verlauf des weiteren Romans immer an den entscheidenden Stellen auftaucht, obwohl er nicht willkommen ist, und seine Kommentare zur Stellung der Juden in der Gesellschaft kundtat oder sich mit spöttischen Kommentaren in persönliche Entscheidungen inmischte, erschien mir anfangs als sehr störend.

Auch die anfängliche Schilderung des jüdischen Haushalts in der Schweiz, die Geschichte vom Viehhändler Salomon Meijer und seiner Frau Golde, die dann am Abend dieser ersten geschilderten Beerdigung noch einen Besuch erhalten sollten, der ihr Leben nachhaltig verändern sollte, konnte mich erst nicht in seinen Bann ziehen.

Aber nach 80 oder 90 Seiten war ich dann mitten drin im Geschehen und habe mit Begeisterung verfolgt, wie sich diese Familie von Generation zu Generation weiterentwickelt.

Der Viehhändler und seine Frau hatten nur eine Tochter, Mimi, ein sehr hübsches, aber auch sehr verwöhntes Mädchen; etwa gleichalt ist auch die Ziehtochter Chanele, die Salomon eines Tages von einer seiner Reisen mitgebracht hatte, nachdem klar war, dass seine Frau keine Kinder mehr würde bekommen können. Wo Mimi versponnen und verträumt war, griff Chanele praktisch zu - und dass ausgerechnet ihnen beiden eines Tages derselbe Mann gefallen könnte, hätten sie sich nicht träumen lassen.

Und doch. Denn an jenem Abend nach der Beerdigung kam ein junger Mann, Janki Meijer, Mischpoche, wie er selber sagte; kam in Uniform, mit einem blutigen Verband um den Kopf. Und erzählte. Erzählte von Krieg und sinnlosem Marschieren, davon, dann noch nicht einmal die große Schlacht von Sedan mitgekriegt zu haben, von Internierung und Flucht. Für Mimi war er ein Held. Für Chanele genauso verloren wie sie selbst. Und für sich selbst hatte er große Pläne, Geschäftspläne. Nein, er würde kein Viehhändler werden. Er wollte Stoffe verkaufen, keinen billigen groben Baumwollstoff, sondern edle Tücher, deren bloße Namen schon Mimi auf der Zunge zergingen.

Um die lange Entwicklung kurz zu fassen und doch nicht zu viel zu verraten: der Plan gelang. Aufstieg war möglich, Reichtum, und Janki - oder Jean, wie er nun genannt werden wollte - war erpicht darauf, auch sonst von der Gesellschaft in Baden akzeptiert zu werden, als Gleicher unter Gleichen zu verkehren. Sein Sohn sollte später aus diesem Grund sogar zum Verräter werden, sich taufen lassen - doch davon ist jetzt noch nicht die Rede.

Es ist eine unheimlich pralle Familiengeschichte, die sich hier von 1871 bis 1945 erstreckt und 4 Generationen umfasst. Und ja, man mag auch einwenden, dass wirklich von so ziemlich allem, was es an Zeitströmungen gab, etwas reingepackt wurde. Hauptthema ist natürlich das Judentum und der immer wieder auf- und abschwellende, aber nie abklingende Antisemitismus. Aber auch Sozialisten und Zionisten, Turner, weltliche und strenggläubige, Homosexuelle, angepasste, Aufrührler, Denker, MItläufer - man hat wirklich das Gefühl, dass da jemand mit vollen Händen in der Geschichtskiste gewühlt hat.

Aber: es ist so gut gemacht, dass es keine Rolle spielt. Ein Roman, der einen so langen Zeitraum umfasst und so viele Generationen zu ihrem Recht verhelfen muss, lässt häufig nach der Hälfte stark nach, weil das Schicksal zu vieler Personen weitererzählt werden will, weil man nicht weiß, wie die Zeiträume dazwischen aufgefüllt werden sollen, und weil generell gegen Ende die Intensität der Schilderung nachlässt.

Das empfand ich hier als ausgesprochen gelungen gelöst. Es sind meist Abstände von 20 Jahren, nach denen die Erzählung wieder einsetzt; die Geschichten dazwischen werden kurz, aber mit der nötigen Ausführlichkeit berichtet, und auch die jüngeren Generationen werden noch ohne Hast und sehr lebendig geschildert.

Lebendigkeit - das ist es vor allem, was dieses Buch für mich auch auszeichnet. Alle Protagonisten sind glaubwürdig, und es ist ein Buch, das richtig prall erzählt ist, eigentlich genau das, was ich bei deutschsprachigen Autoren sonst häufig vermisse! Und Melnitz als Mahner, Unkenrufer und Erinnerer erfüllt seine Funktion hervorragend.

Dass hier nicht gerade das Bild einer friedlichen, neutralen Schweiz geschildert wird, sondern die Tatsache, dass es hier während des zweiten Weltkriegs nicht zu derart heftigen Übergriffen wie anderswo kam, mehr dem Glück als der Offenheit der Bewohner zuzuschreiben war; aus hiesiger Sicht ist es eine Abwechslung.

Beinahe 800 Seiten lang haben mich die Meijers nun begleitet - und darüber hinaus weiß ich schon heute, dass sich so manche Geschichte daraus bei mir dauerhaft verankern wird. Was kann man von einem Roman mehr erwarten? Daher meine Empfehlung: LESEN!

Charles Lewinsky

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©13.08.2006 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing