Joanna Trollope - Zweiter Frühling

Originaltitel: Second Honeymoon
Roman. Bloomsbury Berlin 2006
376 Seiten, ISBN: 3827006198

Man konnte Russell nicht vorwerfen, dass er seine nun flügge gewordenen Kinder nicht ebenfalls vermisste. Aber gleichzeitig freute er sich auch schon darauf, seine Frau Edie mal wieder für sich zu haben. Für Edie aber bricht mit dem Auszug ihres Jüngsten, Ben, eine Welt zusammen. Ihre Mutterrolle war bislang nicht nur Freude und Last, sondern auch ein Schutzschild gegen die Anforderungen der Welt draußen gewesen.

Als sie erfährt, dass Russell ihrer Tochter Rosa, die, nachdem sie ihren Job verloren und durch ihre hohen Schulden zur Sparsamkeit gezwungen, verwehrt hatte, wieder zu Hause einzuziehen, gerät ihre Ehe in eine ernsthafte Krise.

Und auch, dass sie trotz fehlender Vorbereitung eine Rolle in einem Ibsen-Stück erhält kann sie nicht davon abhalten, zumindest dem nächsten Kind in der Krise den Heimzug nach Hause anzubieten.

Bald ist das Haus wieder bis zum Rand voll - und obwohl sie sich doch genau das gewünscht hatte, ist Edie nun erst recht mit der Situation unzufrieden...

Doch das ist nur eine der vielen kleinen, sehr alltäglichen und wunderbar genau und einfühlsam erzählten Geschichten in diesem Buch. Neben der Mutter, der es so schwer fällt, loszulassen (und die gerade zu Beginn des Buchs für meinen Begriff auch etwas zu sehr überzeichnet ist) kommt zum Beispiel die Geschichte eines Paares, in dem die Frau wesentlich mehr verdient als ihr Partner, ein Mann, der versucht, das, was er zu Hause nicht mehr kriegt, durch vermehrtes Arbeiten auszugleichen, Freundinnen, deren Leben auseinanderdriften...

Eigentlich mag ich es nicht so besonders, wenn aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, und beim letzten Buch von Joanna Trollope hatte mich das auch noch massiv gestört. In diesem hier aber passt das gut; man begleitet mal das eine, dann das nächste Familienmitglied, und da ihre Erlebnisse immer auch zum Teil aufeinander aufbauen, wirkt das Buch dennoch nicht zerfasert, sondern durch leicht verschobene Blickwinkel auf dasselbe Ereignis als bereichernd.

Für mich ist Joanna Trollope mit diesem Buch sehr nah an dem dran, was im Kleinen um uns herum passiert, und sie versteht es, die Ängste und Sorgen, die einen auch gut selbst betreffen könnten, sehr genau zu beobachten und mit großer Empathie zu schildern. Dabei fand ich es dann auch nicht schlimm, dass die Häufung von Lebenskrisen so vielleicht etwas unrealistisch erscheinen mag.

Eine klare Empfehlung für alle, die sich nicht nur lesenderweise gerne mit dem Mikrokosmos Familie und Beziehung auseinandersetzen.

Joanna Trollope

Joanna Trollope ging nach dem Studium in den Auswärtigen Dienst und wechselte später ins Lehrfach. Heute lebt sie als Schriftstellerin in Goucestershire.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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