Richard Yates - Elf Arten der Einsamkeit. Short Stories

Originaltitel: Eleven Kinds of Loneliness
Roman. DVA 2006
300 Seiten, ISBN: 3421058598

Diese elf sehr unterschiedlichen Geschichten kreisen, wie der Name der Sammlung es schon verrät, vor allem um ein Thema: Einsamkeit. Für mich am intensivsten war dabei die Erzählung "Alles, alles Gute". Eine junge Frau hat sich entschlossen, zu heiraten. Ganz sicher ist sie sich nicht, ob diese Entscheidung auch die richtige ist; ihre Mitbewohnerin mag den Zukünftigen nicht, er entspricht nicht dem, was hip und New York ist, er ist eher - Vorstadt. Am letzten Arbeitstag vor der Hochzeit wird sie im Büro gefeiert; eine leise Enttäuschung, wovon, das kann sie selbst nicht so genau benennen, stellt sich ein. Abends soll ihr Verlobter noch für ein paar Stunden zu ihr kommen, und am nächsten Morgen wollen sie dann gemeinsam zu ihren Eltern fahren. Dass ihre Mitbewohnerin ihr in letzter Sekunde ein unerwartetes Geschenk machen würde, wirft für Grace alle Pläne um - sie wird die Wohnung in dieser Nacht für sich allein haben, die bislang nur verstohlenen Intimitäten schon heute ausleben! Nervös zieht sie schon ihre Dessous an, die sie eigentlich erst auf der Hochzeitsreise tragen wollte. Und dann wartet sie.
Sie wartet lange. Sehr lange. Denn der Bräutigam wollte zuvor noch kurz bei einem Freund vorbeikommen, eine Reisetasche abholen - und was war? Wirklich, Grace, du wirst es nicht glauben - alle waren sie da, alle Freunde! Alle! Und sieh mal, was sie mir geschenkt haben. Spitzennachthemd? Ja... nett. Du, ich geh dann wieder, die Jungs warten...

Für mich sind die restlichen Erzählungen nicht mehr ganz von dieser unmittelbaren Wucht. "Dr. Schleckermaul" erzählt von einer Lehrerin, die beschließt, einem sozial benachteiligten neuen Schüler besonders zu fördern und nicht merkt, dass sie ihn dadurch noch mehr der Möglichkeit beraubt, in den Klassenverband aufzunehmen.

Gleich zwei Erzählungen spielen im Krankenhaus, handeln von Tuberkulosekranken. Seit vier Jahren liegt der Ehemann bereits hier, immer wieder operiert, immer wieder vertröstet - und seit vier Jahren kommt seine Frau ihn jeden Sonntag besuchen. Dabei gibt es längst einen anderen Mann in ihrem Leben - und der Ehemann? Der ist noch während der Besuchszeit von den mitgebrachten Magazinen mehr gefesselt als von ihrer Gesellschaft...

In manchen der Erzählungen wird der zeitliche Abstand zur Gegenwart sehr deutlich; dennoch zeichnen sie sich alle durch diesen sehr genauen Blick aufs Detail aus, durch einen Blick ins Innere, der zeitlos ist. Da das auch noch in sehr klarer Sprache erzählt wird, lohnt sich die Lektüre in meinen Augen auf jeden Fall.

Dennoch: um wirkliche Begeisterung zu empfinden, fehlt für mich noch ein Stück. Das liegt allerdings auch daran, dass die Erzählungen für mich an sich zu kurz sind; ein Grund, warum ich lieber Romane lese. Mein Urteil ist daher sicher auch von dieser Einschränkung geprägt.

Richard Yates

Richard Yates (* 3. Februar 1926 in Yonkers, New York; † 7. November 1992 in Birmingham, Alabama) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Essayist. Als Chronist der amerikanischen Vorstädte der fünfziger und sechziger Jahre machte er sich einen Namen. Seine Werke werden mit denen von J. D. Salinger, John Updike und John Cheever verglichen. In Deutschland wurde sein Werk Anfang des Jahrtausends vor allem durch Jonathan Franzen wieder bekannt, der sich wiederholt auf ihn bezog.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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