Javier Marias - Dein Gesicht morgen. 2 Tanz und Traum

Originaltitel: Tu rostro manana, 2 Baile y sueno
Roman. Klett Cotta 2006
430 Seiten, ISBN: 3608937153

Der zweite Teil von "Dein Gesicht morgen" setzt an dem Punkt ein, an dem "Fieber und Lanze" endete - mit dem Klingeln an der Tür, dem nächtlichen Besuch, über dessen Identität man als Leser zuletzt mit Jaime Deza noch im Ungewissen war.
Es ist tatsächlich seine Kollegin, T. Nuix, die hier auftaucht und ihn um einen Gefallen bittet. Einen kleinen Gefallen nur, eine Beurteilung, die er nach ihren Wünschen abgeben sollte, nichts von Belang. Aber ist man nicht schon ab dem Zeitpunkt, da jemand beschließt, um einen Gefallen zu bitten, in der Pflicht? Ist nicht schon bereits dieses Ansinnen ein Übergriff? In bekannter Manier räsonniert Marias sehr (viel zu...) ausgiebig darüber.

Deza arbeitet weiterhin für den Geheimdienst, immer noch erfährt er nur sehr wenig über die Menschen, über die er hier ein Urteil abgeben soll. Und immer häufiger wird er auch für andere Einsätze herangezogen; er begleitet seinen Vorgesetzten, Turpa, zu Abendessen, bei denen er vordergründig als Dolmetsch eingesetzt wird, seine eigentlichen Aufgaben aber oft anderswo liegen. Und Turpa ist bei diesen Abenden nicht immer Turpa - man kennt ihn unter anderen Namen.

So auch bei dem einen Abend im Club, bei dem sie ein Ehepaar begleiten. Welche Funktion der Mann genau inne hat - Deza erfährt es nicht, vermutet aber, dass er entweder im Vatikan oder in der Mafia oder bei beiden Gesellschaften ein wichtiges Amt bekleidet. Dezas Aufgabe ist es, die Ehefrau bei Laune zu halten, ihr zu schmeicheln, ihrer Schönheit zu huldigen. Ohne sie dabei natürlich wirklich zu verführen, denn damit würde er die Grenzen überschreiten.

Doch dann geschieht etwas Unerwartetes. Während Deza seinen Pflichttanz mit der Ehefrau (mit den betonharten, spitzen Brüsten) absolviert, wird er von einem alten Bekannten angesprochen, einem Landsmann. De La Garza, in lächerlichem Outfit und gewohnt derber, unverschämter Manier, macht sich nun an die Frau heran, tanzt mit ihr - und dann sind sie verschwunden. Turpa schickt Deza los, die beiden zu suchen; sogar in die Damentoiletten muss Deza sich begeben, was ihn zu ausführlichen Gedankengängen rund um Menstruationsblut und auch den Blutstropfen, den er damals, beim Abendessen aus "Fieber und Lanze", auf der Treppe gefunden hatte.

Für De La Garza nimmt dieser Abend ein hartes, demütigendes Ende; selbst Deza fürchtet, dass Turpa das Schwert, das er aus dem Mantel zaubert, tatsächlich zum Töten verwenden würde. Eine Erklärung dafür? Nun, die werden wir wohl im dritten Teil erhalten - denn am Ende des zweiten bricht Turpa mit Deza noch zu einer Fahrt auf...

Damit ist natürlich der Großteil der Handlung, die auf fast 500 Seiten ausgebreitet wird, verraten - doch Marias-Leser wissen, dass es ohnehin weniger auf das was als auf das wie ankommt bei diesem Autor.

Allerdings wurde dieses "wie" auch mir, einer Leserin, die Marias zu ihren absoluten Lieblingsautoren zählt, beinahe zu viel. Gerade zu Beginn verliert er sich derart in Wiederholungen, Assoziationen, die für mich hauptsächlich dem rhythmischen Aufzählen dienten, dass das Lesen für mich kein Vergnügen mehr war. Über ewig weite Strecken lässt er auch seine ohnehin spärliche Handlung in keinster Weise vorankommen, schafft es auch nicht, den Rest eines Spannungsbogens aufblitzen zu lassen, an dem entlang man sich zu erfreulicheren Gefilden vorhangeln könnte.

Hier hätte ein guter Lektor in meinen Augen wirklich drastisch kürzen müssen! Ich war schon beinahe so weit, den Roman nur halbgelesen wieder ins Regal zurückzustellen, als dann doch langsam wieder die Fragmente in den Wiederholungen auftauchten, die Marias für mich so lesenswert machen. Die Telefongespräche mit seiner Frau, von der er nun schon seit einiger Zeit getrennt lebt gehören dazu; die Hoffnungen, die Vertrautheit auch nach so langer Abwesenheit, die Ängste, aber auch das Wissen darum, was ihr Lachen an einer Stelle zu bedeuten hat - das zeugt von einem minutiösen Beobachter.

Und am Ende hatte Marias es doch geschafft, dass ich nun neugierig bin auf den dritten und letzten Teil: darauf, welche Konsequenzen die Bitte seiner Kollegin für ihn haben wird. Was aus De La Garza wurde (auch wenn man ihn wirklich nicht mögen kann). Ob die Ehe eventuell doch noch weitergeführt wird. Und was Marias sich einfallen lässt, um mich erneut zu begeistern.

Ich habe nun beinahe 3 Wochen gebraucht, ehe ich meine Leseeindrücke zu diesem Buch zu Papier bringe. Erstaunlicherweise hat mein ursprüngliches, doch sehr ablehnendes Urteil, sich mittlerweile gewandelt; in der Erinnerung haben sich die Handlungselemente von dem leider wirklich erdrückenden Wortwust gelöst, sind mir wieder einzelne Gedankengänge, die er in bekannter Ausführlichkeit aufbereitet hatte, im Gedächtnis geblieben. Begeistert bin ich nach wie vor nicht. Empfehlen kann ich das Buch wirklich nur Liebhabern des Autors, als Einstieg ist es keinesfalls geeignet. Aber der kleinen Schar Unermüdlicher lege ich es dennoch ans Herz.

Javier Marias

Javier Marías wurde am 20.9.51 in Madrid geboren. Sein Vater ist ein bedeutender spanischer Philosoph. Er ist einer der bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller Spaniens.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©06.09.2006 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing