Nicholas Shakespeare - In dieser einen Nacht

Originaltitel: Snowleg
Roman. Rowohlt Verlag 2006
536 Seiten, ISBN: 3499245256

Für Peter Hithersay bricht an seinem 16. Geburtstag eine Welt zusammen. An diesem Tag nämlich erfährt er, dass er nicht der leibliche Sohn des Mannes ist, der ihn aufgezogen hat - nein, er ist das Ergebnis eines Gastspiels seiner Mutter in Leipzig. Und über seinen Vater weiß sie nicht viel mehr als den Vornamen - den er nun ebenfalls trägt - und dass er verfolgt wurde.

Deutsches Blut also fließt in seinen Adern - ja, dieses Wissen verändert ihn. Peter beginnt, Deutsch zu lernen. Er beginnt sein Medizinstudium in Hamburg, kommt kaum einmal nach Hause - erst reicht das Geld nicht, dann ist die Entfremdung zu groß geworden, das Bedürfnis nicht ausreichend.

Doch dann ergibt sich für ihn die Gelegenheit, mit einer Schauspieltruppe nach Leipzig mitzufahren. Vielleicht hat er hier die Möglichkeit, mehr über seinen Vater herauszufinden? Auch wenn ihm bereits im Vorfeld gesagt wird, dass es höchst unerwünscht ist, wenn er mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen versuchen sollte. Auch wenn ihnen mit ernster Miene die möglichen Konsequenzen falschen Verhaltens vor Augen geführt werden.

Seinen Vater findet er bei dieser Gelegenheit nicht. Aber er trifft auf eine junge Frau - eine Frau, die ihren Namen nicht nennt, die ihm nur den Kosenamen verrät, mit dem ihre Großmutter sie bedacht hat. Ein Name, den er nicht richtig auszusprechen in der Lage ist, für ihn wird ein "Snowleg" daraus.

Es sind wunderbare, intensive Stunden, die er mit ihr erlebt. Und dann macht er in seiner naiven Verliebtheit ein Versprechen, das er nicht halten kann: er würde sie in der Requisitenkiste außer Landes schmuggeln.

Doch dazu kommt es nicht. Schon davor, bei einem Empfang, zu dem sie nicht eingeladen ist, distanziert er sich von ihr, leugnet, sie zu kennen.

Er fährt zurück; allein. Seine Hamburger Freundin verlässt er; aber das Bild, das er nicht aus dem Kopf bekommt, ist ihr Anblick, als sie vom Portier aus dem Speisesaal geführt wird. Es ist eine Schuld, die er nicht wieder loswird, die ihn ein Leben lang begleitet. Sehr lange noch versucht er, ihr Briefe an die Uni zu schreiben, doch er hat nicht mehr als ihren Kosenamen.

Seine weiteren Frauenbeziehungen sind von Flüchtigkeit geprägt; seine berufliche Laufbahn entwickelt sich völlig anders als es einst abzusehen gewesen wäre, statt als Kinderarzt praktiziert er nun als Gerontologe. Und genau diese Tätigkeit im Altersheim ist es, die ihn noch einmal nach Leipzig zurückführt.

Eine Patientin, die nur kurze Zeit in dieser Klinik verbracht hatte, war gestorben -und ihr Ansinnen war, dass er ihre letzten Habseligkeiten persönlich ihrer Enkelin überbringen sollte. Es ist aberwitzig; und doch, es ist an der Zeit, die Mauer ist gefallen, vielleicht sollte er endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen und dazu erstmal versuchen, sich Klarheit zu verschaffen...

Die wirklich guten Passagen in diesem Buch waren für mich weniger der etwas überspannten Rahmenhandlung zuzuschreiben, sondern resultieren aus einer sehr genauen Beobachtung und Schilderung der Verhältnisse in Deutschland, Ost und West, vor und nach dem Mauerfall. Für mich kam die Atmosphäre sehr stimmig, sehr genau recherchiert herüber; die Schwierigkeiten, mit denen man rechnen musste, die Stimmung im Land nach dem Mauerfall, die Bespitzelungen, sogar der Geruch und die Häuserfarben.

Und diese langen, auch erzählerisch wirklich geglückten Passagen tragen zum Glück den Großteil des Buches. Denn die Liebesgeschichte an sich, sowohl der Mutter als auch des Sohnes, haben mich aufgrund der etwas seltsam distanzierten Psychologie der Protagonisten nur wenig überzeugt.

Dennoch - nachdem ich anfangs mit leichten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, in diese Geschichte einzusteigen, habe ich sie danach mit viel Vergnügen gelesen. Für mich zwar keine große Literatur, aber gerade auch durch die Außenperspektive ein interessantes Buch über ein großes zeitgeschichtliches Thema.

Nicholas Shakespeare

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©09.09.2006 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing