Stewart O´Nan - Das Glück der anderen. Hörspiel

Originaltitel: A Prayer for the Dying
Hörbuch - Roman. DerAudioVerlag 2003
2 CDs, ISBN: 3898132358

Sechs Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg hat Jacob Hansen dessen Schrecken immer noch nicht verwunden. Monatelanger Hunger, die Angst, Kälte - das hat sich unauslöschlich in sein Gedächtnis gebrannt. Aus dieser Zeit stammt auch seiner Aversion gegen Pferde; zu oft hatten sie sich in den verwesenden Leichnamen verborgen, hatten das Fleisch gegessen, die Innereien zum Wärmen verwendet.

Nach dem Krieg war er in Friendship hängen geblieben; nun übt er hier das Amt des Sherrifs, Predigers und Leichenbestatters in einer Person aus. Jetzt, im Hochsommer, ist normalerweise nicht viel zu tun. Keine Toten, um die er sich kümmern muss, keine Streitereien, die es zu schlichten gilt. Nur die Trockenheit könnte zu einem Problem werden; Waldbrände wurden in der Umgebung schon gemeldet.

Da wird in der Nähe des Städtchens ein toter Landstreicher aufgefunden. Und kurz darauf eine Frau am Straßenrand gesehen, die krank schien; beide bringt Jacob in die Stadt, um sich gemeinsam mit dem Doc um sie zu kümmern. Dieser stellt auch sehr rasch die Diagnose: Diphterie. Eine hoch ansteckende Krankheit; vor einigen Jahren hatte sie eine halbe Stadt in der Nähe ausgelöscht. Sollte jetzt nicht auch über Friendship die Quarantäne verhängt werden?

Es wäre noch zu früh, befindet der Doc. Aber die Krankheitsfälle mehren sich. Auch Jacobs Tochter erkrankt. Und stirbt. Aber er macht mit ihr nicht, was er machen muss; er balsamiert sie, lässt sie weiterhin in seiner Wohnung bleiben, wie auch seine Frau, die ebenfalls bald stirbt. Es gehe ihnen besser, antwortet er ausweichend, wenn er auf ihren Gesundheitszustand befragt wird.

Dass die Entscheidung, die Bewohner der Stadt hier einzuschließen, nicht unumstritten sein kann, ist klar. Dass die Menschen, die sich noch nicht angesteckt haben, hier nicht ihr Leben aufs Spiel setzen wollen, auch. Und dass sie zudem noch vom Feuer bedroht werden, erleichtert die Lage nicht unbedingt - muss Jacob also tun, was er glaubt, tun zu müssen?

Ähnliche Szenarien kennt man aus Büchern wie "Die Pest" von Camus oder "Die Stadt der Blinden" von Saramago - und "Das Glück der anderen" steht beiden Büchern in nichts nach, wenn es darum geht, diese Ausnahmesituation zu schildern, zu zeigen, wie Menschen sich in Extremsituationen verhalten.

Wenn man O´Nan kennt, weiß man, dass man von ihm keine einfache Erzählung erwarten darf. So ruhig und kontrolliert seine Sprache erscheint, so heftig ist das, was er dahinter verbirgt; zusätzlich verstört er den Leser in diesem Buch durch die permanente Verwendung des Du; man liest Jacobs Selbstgespräche, steckt in seinem Kopf fest, in seinen kranken Gedanken, weiß, wie er, bald nicht mehr zwischen Realität und Wahn zu unterscheiden.

Es sind grausame Szenen, die man hier liest, die zwischen Schilderungen eines heißen Sommertages daherkommen; Szenen, von denen der Autor auch selbst nicht weiß, wie sie in seinen Kopf gelangen. "Sick Stuff. I agree. I apologize" meinte er dann auch, nachdem er Teile aus diesem Buch vorgelesen hatte.

O´Nan hat einen ganz eigenen Stil, der den Zugang zu seinen Büchern zwar erschwert, aber auch deren Reiz ausmacht; seine Romane liest man nicht rasch zwischendurch, dazu hallen sie auch viel zu lange nach. Ein großartiger Schriftsteller - und ein beklemmendes Buch.

Der gesamte Text ist ja in der zweiten Person abgefasst; man hört Jacob Hansen (genial gesprochen von Ulrich Matthes) zu, dessen innerer Monolog sich also selbst als "Du" anspricht. Du denkst, du machst, du siehst - eine Möglichkeit, zugleich Nähe und Distanz herzustellen, die mich ungemein gefesselt hat, als Hörspiel noch mehr als selbst gelesen.

Dass ich so fasziniert war, lag sicher auch an der wirklich hervorragenden Umsetzung. Ich habe Ulrich Matthes ja schon angesprochen; seine Art, die immer beklemmender werdenden Szenen in einem ruhigen, distanzierten Tonfall vorzutragen hallt im eigenen Kopf nach; dass dazwischen die Kommentare der anderen dann von anderen Schauspielern gesprochen werden verstärkt die Authentizität. Man erlebt das Drama sehr unmittelbar mit; wer den düsteren Inhalt nicht scheut, sollte sich dieses Hörspiel auf keinen Fall entgehen lassen!

Stewart O´Nan

Stewart O´Nan wurde in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Kunst. Heute lebt er mit seiner Frau uns seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut. Für "Engel im Schnee" 1993 erhielt er den William -Faulkner - Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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