Philippe Claudel - Die grauen Seelen

Originaltitel: Les Âmes grises
Roman. Rowohlt Verlag 2005
240 Seiten, ISBN: 3499237792

In einer kalten Winternacht des Jahres 1917 wird, unweit der Schützengräben, in denen schon so lange unerbittlich gekämpft wird, ein zehnjähriges Mädchen ermordet aufgefunden.

Der Erzähler erinnert sich an damals; aus seiner Sicht schildert er nun, wie es damals in dem kleinen Städtchen war, erzählt vom Staatsanwalt, vor dessen Gartentor das Mädchen gefunden wurde, erzählt von der jungen, schönen Lehrerin, die eines Morgens überraschend da war und so viel Licht in die Stadt gebracht hatte, bis sie aus für alle nicht nachvollziehbaren Gründen eines Morgens an einem Haken baumelnd gefunden wurde.

Aber all das ist nur der Ausgangspunkt für eine noch viel schmerzvollere Reise zurück in die Vergangenheit, die der Ich-Erzähler hier aufnimmt; bald schon wird man immer neugieriger gerade darauf, welche Rolle er denn damals gespielt hat, weshalb er in so viele Details eingeweiht ist - und welches ganz persönliche Drama er mit den damaligen Ereignissen verbindet.

Das alles wird sehr verhalten erzählt, in leisem Moll - es ist eine schöne, traurige Geschichte, die ich wirklich gerne gelesen habe. Mittlerweile ist es auch schon wieder ein paar Wochen her, dass ich das Buch gelesen habe - und manchmal ist es ja erstaunlich, wie anders man einen Roman mit einer gewissen Distanz beurteilt. Für mich habe ich festgestellt, dass die einzelnen Handlungsstränge des Buches gerade im Nachhinein unheimlich auseinanderfallen; die Geschichte der Lehrerin, die des Ich-Erzählers, und eigentlich nur ganz am Rande auch die um das ermordete Mädchen; es ist, als würde ich sie aus ganz unterschiedlichen Büchern kennen.

Philippe Claudel

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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