Edgar Hilsenrath - Der Nazi und der Friseur

Originaltitel: Der Nazi und der Friseur
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2005
320 Seiten, ISBN: 3423134410

Sie werden beinahe gleichzeitig geboren, wachsen nebeneinander auf, sind die besten Freunde, der eine, Max, geht immer beim anderen, Itzig, aus und ein, wird wie ein Mitglied der Familie behandelt, in die Synagoge mitgenommen, mit den Sitten und Gebräuchen eines normalen assimilierten jüdischen Familienalltags vertraut gemacht. Als es soweit ist, tritt Max bei Finkelstein als Friseurlehrling ein - und nicht bei seinem Stiefvater, der direkt gegenüber ebenfalls einen Friseurladn betreibt.

Kurz: man kann sich kaum vorstellen, was den dunklen, glubschäugigen Max mit der Hakennase und den blonden, bläuäugigen, hochgewachsenen Itzig trennen könnte. Doch wir haben die Dreißigerjahre, und da kommt einer mit dem Stock, und der gibt all denen Macht, die sie vorher nicht hatten - also wird aus Max Schulz ganz rasch ein SS-Mann, der dann in einem Lager in Polen seine Pflicht tut. Seine Pflicht, die er auch dann tut, als die Finkelsteins eingeliefert werden. Da tut er sie sogar besonders eifrig.

Nach dem Krieg aber ist es plötzlich gar nicht mehr so gut, unter den ersten gewesen zu sein, die die Zeichen der Zeit erkannt hatten; aber ... sieht Max nicht eigentlich aus wie ein Jude? Und weiß er nicht, wie sich ein Jude zu benehmen hat, spricht er nicht Jiddisch, sogar ein wenig Hebräisch? Und weiß er nicht schließlich selbst mit absoluter Gewissheit, dass der, dessen Namen er sich angeeignet hat, ihn nicht mehr braucht?

Und so wird aus dem Massenmörder Max Schulz der Jude Itzig Finkelstein, der sich erst in Berlin als Schwarzhändler einen Namen macht und dann auf der Exodus nach Isreal auswandert. Und was soll er dort schon machen? Ja, richtig - einfach einen Friseursalon. Und natürlich nebenbei in der berüchtigten Terrorgruppe Schwarz mit agiert, einen wesentlichen Vorstoß im Befreiungskrieg erzielt, heiratet, und immer noch die Zeitungsunterlagen nach dem Namen Max Schulz durchsucht...

Die Grundstruktur dieses Romans ist einfach grandios - so zynisch, wie hier die Rollen einfach umgedreht werden, wie ein Mensch gezeigt wird, dem seine Taten kein schlechtes Gewissen bereiten, der sich ohne Probleme von einer Seite auf die andere drehen kann, in Israel plötzlich jüdischer als jeder Jude ist, mehr von den Ideen verinnerlicht hat und bereit ist, dafür zu kämpfen: es ist in seiner Radikalität ein einmaliger Ansatz!

Und auch viele der Details aus dem Buch fand ich, auf die Geschichte reduziert, großartig: die Frau seines Chefs in Israel, die viel lieber deutsch wäre als jüdisch, der Amtsrichter, so manche Szene nach dem Krieg, die den neuen alten Antisemitismus so wunderbar bloßstellt; aber...

... ja, aber. Da ist dieses ganz große "Aber wie es erzählt wird"! Damit konnte ich mich so gar nicht anfreunden. Ja, ich weiß, es ist eine Satire. Ich habe beim Lesen ein Problem damit, wenn für meine Verhältnisse aufgrund der so überdrehten Überzeichnungen daraus eine Groteske wird; und das ist bei "Der Nazi und der Friseur" in meinen Augen an ganz vielen Stellen der Fall. Schon der Stiefvater, der den Säugling vergewaltigt - der sich außerdem noch daran erinnern will -, dazu dann, dass wirklich kein Klischee ausgelassen wird, dass er natürlich auch ausgerechnet mit der Exodus nach Palästina reisen muss etc, dazu die Traumsequenzen, die Sprache! - kurz, mit der Art des Erzählens konnte ich mich von Anfang bis Ende nicht anfreunden.

Edgar Hilsenrath

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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