Henning Mankell - Kennedys Hirn

Originaltitel: Kennedys Hjärna
Roman. Zsolnay Verlag 2005
398 Seiten, ISBN: 3552053476

Nach dem Anschlag auf Präsident Kennedy wollte man unter anderem dann auch sein Gehirn untersuchen, das zwar durch den Eintritt der Gewehrkugel verspritzt und nicht mehr in einem Stück war - aber eigentlich dennoch hätte vorhanden sein sollen. Es wurde bislang noch nicht wieder gefunden, und darüber, wer es an sich genommen haben könnte, existieren die wildesten Vermutungen.

Und darüber hat Mankell nun einen Roman geschrieben? mag der eine oder andere sich verundert fragen. Nein, das hat er nicht. Aber die Theorien rund um das Verschwinden dieses Gehirn und rund um die Taktiken, mit denen dieses Verschwinden verschleiert wurde, dient ihm als Aufhänger dafür, wie Henrik im Roman hier versucht, daraus für seine eigenen Nachforschungen und Ergebnisse zu verschleiern.

Aber fangen wir von vorne an. Als Louise Cantor, 54, Archäologin, ihren Ausgrabungsort in Griechenland verlässt, um in Schweden einen Vortrag zu halten und bei dieser Gelegenheit auch ihren Sohn in Stockholm zu besuchen, ahnt sie noch nicht, dass sie nur noch einmal hierher zurückkehren wird, um ihre Sachen abzuholen.

Denn als sie, nachdem ihr Sohn sich auf ihre Nachrichten hin nicht gemeldet hatte, die Tür zu seiner Wohnung aufschließt, bietet sich ihr ein schreckliches Bild: ihr Sohn liegt im Bett. Offensichtlich tot. Nein, kein Fremdeinwirken feststellbar, wie ihr die hinzugerufenen Polizisten versichern; auch nach der Autopsie ist nur klar, dass der Junge Schlaftabletten genommen hat und daran gestorben ist.

Doch für Louise, die ihren Sohn nach dem Verschwinden des Vaters allein großgezogen hat und überzeugt davon ist, ein sehr enges, vertrauliches Verhältnis zu ihm zu haben, kann sich keinen Grund vorstellen, warum er so einen Schritt vollzogen haben sollte. Für sie ist felsenfest klar: er wurde ermordet.

Da die Polizei keine weiteren Schritte unternimmt, beschließt sie, selbst tätig zu werden. Sie durchwühlt seine Wohnung, doch alles, was sie findet, sind Mappen mit Zeitungsausschnitten zu Kennedys Hirn. Und sie trifft auf Nazrin, eine enge Freundin ihres Sohnes, die lange ein Verhältnis mit ihm gehabt hatte; nie hatte er von ihr erzählt, nie hatte er ihr umgekehrt von seiner Mutter, seiner Familie erzählt. Auch sonst weiß Nazrin nicht viel von ihm; nur, dass er nach einer Reise plötzlich anders als sonst gewirkt hatte, froher, als wäre eine Angst von ihm abgefallen.

Louise, die geduldige Archäologin, kann mit diesen Scherbenstücken aus dem Leben ihres Sohnes, die sie bislang nur etwas irritieren, kaum etwas anfangen. Sie nimmt seine Sicherungs-CDs an sich, beschließt nach dem Begräbnis, wieder an ihre Arbeitsstelle zurückzukehren. Doch schon nach der ersten Teilstrecke ihres Fluges überlegt sie es sich anders, macht sich stattdessen auf die Suche nach dem Vater des Jungen, der sie vor so langer Zeit verlassen hatte, und von dem sie nicht mehr weiß, als dass er wahrscheinlich irgendwo in Australien ist.

Es dauert nicht einmal eine Woche, bis sie ihn dort aufgespürt hat - und dieser, ebenfalls erschüttert vom Tod seines einzigen Kindes, macht sich mit ihr auf die Suche. Erst durchforstet er, was er von den Computersicherungen knacken kann - und entdeckt, dass Henrik eine Wohnung in Barcelona gemietet hatte. Doch wovon? Seine Jobberei als Taxifahrer konnte ihm unmöglich Geld für gleich zwei Wohnungen, von den offensichtlich vielen Reisen ganz abgesehen, finanziert haben.

Die Wohnung in Barcelona bietet erst nicht viel Klarheit. Auch hier stolpern sie wieder über eine junge Frau, die Henrik geliebt hatte; auch hier finden sie Mappen mit Zeitungsausschnitten, diesmal aber zu Pharmafirmen, zu Medikamenten - und zu Aids.

Bald schon wird die schockierende Wahrheit klar: Henrik war HIV-positiv. Und er hatte nie auch nur ein Wort davon gesagt. Zumindest seiner Mutter nicht...
aber sie scheinen in Barcelona irgend etwas auf die Spur gekommen zu sein, das mit Henriks Tod zu tun hatte - kurz darauf ist Aron, der Vater, wieder verschwunden. Wie schon so oft in Louises Leben. Doch diesmal ist es anders; diesmal, so ist sie sich sicher, ist ihm etwas zugestoßen. Wieder beginnt das qualvolle Verhandeln mit der Polizei, die nicht an ein Verbrechen glauben will - und Louise stößt auf den nächsten Hinweis, der mit dem Tod ihres Sohnes zu tun haben könnte.

Nach Maputo, nach Afrika, führt sie - wieder zu einer Frau, zu Lucinda, die Henrik geliebt hatte. Und die, wie er, HIV-positiv war, von Henrik angesteckt, nicht umgekehrt, wie Louise zuvor kränkenderweise angenommen hatte. Aber nicht einmal die offensichtlichen Beweise, dass ihr lieber Sohn doch nicht so rein, so heilig, so uneigennützig war, wie sie immer angenommen hatte, lassen sie daran zweifeln, dass er hier im Auftrag einer guten Sache unterwegs war. Lucinda führt sie dann auch bald an den Ort, der Henrik die Augen geöffnet hatte: in eine kleine Ansiedlung, einige Hütten, eine Mission, gegründet und finanziert von einem reichen Amerikaner, der hier armen AIDS-Kranken Pflege angedeihen lässt.

Doch hinter diesem offensichtlichen Idealismus versteckt sich etwas ganz anderes - eine Maschinerie, die skrupellos und ohne jegliche moralische Bedenken die Menschen in Afrika benutzt, sie als ständig verfügbares, als einzelnes Leben unwesentliches Material betrachtet.

Das ist auch Mankells eigentliches Anliegen: anzuprangern. Den Finger auf die Wunde zu legen, seinen Lesern die Augen dafür zu öffnen, was unter dem Deckmantel der Humanität in Afrika, aber auch in den armen Ländern Asiens, geschieht. Wie Impfstoffe an Menschen ausprobiert werden, die gar nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Wie Medikamente, die zuvor noch nichtmal durch den Tierversuch gelaufen sind, hier an Menschen erprobt werden, die dazu keine Einwilligung zu geben brauchen, da sie gar nicht informiert werden. Wie alle ihre Finger drin haben, jeder wegschaut, und jeder, der auch nur versucht, deutlich davon zu sprechen, mit dem Leben dafür bezahlt.

Das ist als Anliegen wichtig und löblich. Aber was als Roman daraus geworden ist - obwohl ich das Buch deutlich lesbarer empfand als zuletzt "Tiefe" - empfinde ich als großteils sehr missglückt.

Um den Leser überhaupt dazu zu bringen, sich für das Thema zu interessieren, wählt Mankell als Einstieg eine klassische Krimisituation: ein (Mord?)Opfer und die Frage nach dem Warum. So weit - so gut. Doch dann baut er erstmal Umwege ein - Kennedys Hirn, die Suche nach dem verschollenen Vater - die sich im Endeffekt als überflüssig erweisen.

Dann erst kommt langsam das eigentliche Thema: Aids. Und Afrika. Dass die Art und Weise, wie Louise immer sofort die Personen findet, die sie sucht, wie sich ihr auch sonst durch die abstrusesten Zufälle Lösungen zuspielen, kommentiere ich gar nicht weiter - das muten uns auch andere Autoren zu.

Doch dass Mankell hier sein wichtiges Thema durch das Aufstellen wilder, nicht unterlegter Behauptungen wie zB, das AIDS-Virus sei nur durch Mithilfe (amerikanischer) Labors auf die Menschen übergesprungen, mit dem Zweck, das reiche Land Afrika von seinen ursprünglichen Bewohnern zu entvölkern - das empfand ich schon als ziemliche Zumutung.

Dadurch hebt er auch seine anderen Behauptungen, wie die Medikamententests an nichtwissenden Menschen, die Impfungen etc., wie bloße Phantasie und ziehen seine Ambitionen fast schon ins Lächerliche.

*** SPOILER *** *** SPOILER *** *** SPOILER *** *** SPOILER *** *** SPOILER ***

Trotz all dieser Kritikpunkte hätte daraus ein zwar nicht besonders fundierter, aber doch halbwegs guter Roman werden können. Doch dann hätte Mankell wenn schon keine Lösungen, so doch zumindest Abschlüsse anbieten müssen. Die jedoch verweigert dieses Buch. Weder gibt es eine schlüssige Erklärung dafür, was nun wirklich mit Henrik geschehen war, noch dafür, wie die zwielichtigen Personen, die eingeführt werden, tatsächlich ins Geschehen verwickelt sind, bzw. ob überhaupt; und außerdem hätte er mit dieser albernen Verschwörungsgeschichte aufhören müssen. Das kann Mankell einfach nicht.

Da ich gerade erst "Der ewige Gärtner" als Film gesehen habe, das ja ein sehr ähnliches Thema behandelt, kann ich gerade zum Umgang mit Verschwörungstheorien nur sagen: wenn John le Carre so ein Szenario entwirft, dann hat das Substanz. Bei Mankell ist das Wischi-waschi, konstruiert und oberflächlich.

Als Roman daher, wie ich bereits erwähnte, für mich auf ganzer Linie misslungen. Figurenzeichnung oberflächlich und unplausibel, Plotführung verworren und inkonsequent, inhaltlich immer wieder nah am Kitsch - eigentlich kann ichs nicht weiterempfehlen.

Henning Mankell

Henning Mankell, 1948 in Häjedalen geboren, ist einer der angesehensten Schriftsteller Schwedens. Er lebt als Regisseur und Autor in Maputo / Mosambik.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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