Pia Frankenberg - Nora

Originaltitel: Nora
Roman. Rowohlt Berlin Verlag 2006
252 Seiten, ISBN: 3871345474

Nora lebt als Übersetzerin in New York; vor vielen Jahren hat sie auch geheiratet, hauptsächlich, um ihren Aufenthaltsstatus in den USA zu legalisieren, weniger aus echter Leidenschaft. Dennoch verbindet sie mit David nach wie vor eine enge Freundschaft. Ansonsten beschränken sich ihre Beziehungen fast ausschließlich auf Affären mit verheirateten Männern.

Ist es das Alter, das sie dazu bewegt, sich langsam zu fragen, ob sie sich damit nicht selbst im Weg steht, ob sie sich nicht langsam auf eine tiefere Beziehung einlassen sollte? Oder hat es mit den immer stärker werdenden Kontaktversuchen ihrer Mutter zu tun, die ihre Telefonnummer trotz aller Geheimhaltungsversuche herausfindet, ihr Nachrichten hinterlässt, ihr seitenlange Briefe schickt, die sie nicht öffnet?

Als der Anschlag auf das WTC stattfindet, ist sie wie alle in ihrer Umgebung wie gelähmt; stundenlang sieht sie fern, saugt die Bilder in sich auf. Bis ihre Aufmerksamkeit auf einem Gesicht, einer Geschichte haften bleibt: Amy, deren Ehemann im WTC ums Leben kam, die nun als Hausfrau in einem Vorort lebt, nicht in der Lage, sich wirklich um ihre beiden Töchter zu kümmern.

Als Leser hat man Amy schon eine Weile begleitet; wir haben mit ihrer Familie gemeinsam Silvester gefeiert, haben den Besuch der Mutter erlebt, die morgendliche Verabschiedung vom Ehemann.

Nora begegnet Amy eines Tages ganz zufällig in einem Supermarkt; instinktiv folgt sie ihr, kommt später immer wieder in diese Ecke, wird, ohne es bewusst zu wollen, zum Stalker...

Als Roman halte ich dieses Buch insgesamt für missglückt. Die beiden Handlungsstränge, die hier gegeneinander gestellt werden und durch die Stalking-Geschichte lose miteinander verknüpft sind treffen sich nicht wirklich - und sind andererseits nicht genug voneinander losgelöst, um als eigenständig und emotionaler Gegenentwurf gelten zu können.

Dann sind die einzelnen Themenbögen viel zu überladen; Nora kämpft mit den Schatten ihrer Mutter, die sie als Kind verlassen hat, dann wurde sie auch noch von ihr als mutmaßliche RAF-Terroristin angezeigt und hatte unter entsprechenden Polizeischikanen zu leiden; Amy hingegen findet in einer der Anzugtaschen ihres Mannes eine Notiz, die nahelegt, dass er eventuell ein Verhältnis hatte - all das wird angeschnitten und nicht zu Ende gedacht, aber gleichzeitig auch nicht auf eine Weise stehen gelassen, dass es für sich selbst tragend wirkt.

Dennoch habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Pia Frankenberg hat eine wunderbare Art zu erzählen, was sie im Großen nicht schafft - einen tragfähigen Spannungsbogen zu bauen, einen plausiblen Plot erzählen - das passiert im Kleinen. Wenn Nora nach den Anschlägen in Deutschland auf eine Party geht und hier zu den Zuständen in NY befragt wird, wenn sie sich über die heuchlerische Anteilnahme aufregt - dann kann man als Leser nur begeistert weiterlesen, weil sie subtil und differenziert Zeitgeist in Worte zu fassen versteht. Auch im zwischenmenschlichen Bereich lotet sie Zwischentöne aus, womit ein Autor ich ohnehin, sofern es gut gemacht ist, immer anzieht.

Ein zwiespältiger Gesamteindruck - eine Autorin, die ich mir auf alle Fälle weiter merken werde, aber ein Buch, das mich nicht vollständig zu überzeugen vermochte.

Pia Frankenberg

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Nora
  • Der letzte Dreh

Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©23.07.2006 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing