Paul Auster - Die Brooklyn-Revue

Originaltitel: Brooklyn Follies
Roman. Rowohlt Verlag 2006
352 Seiten, ISBN: 3499238144

Als Nathan Glass sich nach seiner Frühpensionierung nach Brooklyn zurückzieht, erwartet er nicht mehr viel vom Leben. Er hat gerade ein Lungenkarzinom überstanden, seine nicht besonders glückliche Ehe wurde geschieden, und mit seiner einzigen Tochter hat er sich auch überworfen.

Ein freudloser Lebensrest wartet auf ihn; sein einziger Lichtblick ist ein kurzer Flirt mit der jungen Kellnerin mittags.

Doch dann stolpert er in dem Antiquariat, das er regelmäßig besucht, buchstäblich über seinen Neffen Tom. Diesen hatte er nach dem Tod seiner Schwester aus den Augen verloren; doch die Nähe zwischen den beiden ist rasch wieder hergestellt, und Tom, der doch einst eine vielversprechende akademische Karriere vor sich zu haben schien, erzählt die Geschichte seines Scheiterns und den Grund dafür, warum er nun für Harry Brightman im Antiquariat arbeitet.

Dieser Harry Brightman hieß im Übrigen eigentlich Harry Dunkel; nach seinem aufgeflogenen Betrug, der ihn hinter Gitter brachte, hatte sein Schwiegervater ihm genug Kapital für ein neues Geschäft zur Verfügung gestellt, unter der Voraussetzung, seine Frau und seine Tochter nie wieder zu sehen.

Und dann, nachdem diese kleine Familienvereinigung stattgefunden hatte, steht plötzlich Lucy vor Toms Tür. Lucy, die neunjährige Tochter von Toms Schwester Aurora, die ein Talent dafür hatte, sich in Schwierigkeiten zu bringen, die immer mal wieder auftauchte, um dann wieder spurlos zu verschwinden. Natürlich dringen Nathan und Tom in sie, etwas von Aurora zu erzählen, doch Lucy schweigt. Sie spricht kein Wort, hält nur zwei Finger hoch, um zu signalisieren, dass sie noch 2 Tage? Wochen? Monate? nichts sprechen würde. Doch was sollten Tom und Nathan, die zwei Hagestolze, mit einem kleinen Mädchen anfangen? SIe beschließen, sie zu Toms Stiefschwester nach Vermont zu bringen.

Und auch wenn aus diesem Vorhaben nichts wird, gedeiht doch gerade aus diesem Vorhaben, aus dieser Verkettung von Zufällen auf dieser kleinen Reise, das zukünftige Glück für all die Protagonisten dieses Romans...

Man ahnt es schon: nein, auch ich war nicht begeistert von diesem neuen Auster. Er liest sich gut, das ja; aber so viel Glückseligkeit ist von einem Autor wie Auster für mich nur sehr schwer zu ertragen. Auster lebte für mich bislang von einer gewissen Hintergründigkeit, von Geschichten, die nicht aufgelöst werden, von einem etwas zynischen Blick.

In diesem Roman allerdings hatte ich teilweise den Eindruck, eher John Irving als Paul Auster zu lesen. Die Protagonisten und ihre Schicksale werden immer absurder, und zum Schluss löst sich alles in eitel Wohlgefallen auf, sogar der Tod bringt Gutes; und dann, auf der letzten Seite, muss der Autor noch rasch darauf hinweisen, dass es nun der 11. September 2001, 8 Uhr morgens sei.

Die politischen Anspielungen in de Roman waren nicht zu kurz gekommen: geradezu mit dem Holzhammer prügelt der Autor dem Leser ein, dass Bush II ein Fehler ist, ohne seine Attacken allerdings mit Argumenten zu untermauern, was ich persönlich als sehr bedauerlich empfand.

Diese Plumpheit (die ich, wie schon erwähnt, von Auster nicht gewohnt bin) zieht sich durchs ganze Buch; Konflikte werden im Handumdrehen aufgelöst, es bleiben keine Ressentiments, eine Entschuldigung reicht, und alles ist wieder gut... alles das also, was ein Buch wirklich interessant machen würde, hat Auster konsequent zugunsten einer oberflächlichen plotorientierten Erzählung vernachlässigt. Wenn ich nur an die Liebesgeschichte zwischen Tom und Honey denke! Zwei Abende lang wird geredet, am dritten kommt sie zu ihm ins Bett. So weit, so gut. (nein, eigentlich nicht gut, denn Auster meint uns mit Sätzen wie diesen hier einzulullen zu müssen: S. 224: Auch Tom und Honey haben ein Recht auf Privatleben, und darum endet hier mein Bericht über die Ereignisse der Nacht. Enttäuschte Leser mögen die Augen schließen und ihre Phantasie gebrauchen.)
Aber am Morgen darauf müssen sie überstürzt abreisen, weil Harry tot ist, und es gibt keinen Kontakt mehr zwischen Tom und Honey. Um dann plötzlich, 3 Wochen später, Honey vor Toms Tür auftauchen zu lassen, mit Sack und Pack und der Nachricht, sie hätte gekündigt, weil sie nun ihr Leben mit Tom teilen würde. Hallo?? Und auch hier wird das, was eigentlich interessant wäre, ausgelassen: das Zusammenraufen der beiden (Tom wollte ja eigentlich gar nicht), das Wachsen der Beziehung, die Konflikte - aber daran hat Auster diesmal überhaupt kein Interesse.

Soviel zum inhaltlichen. Ich habe diesmal aber auch stilistisch einiges zu bemängeln, wobei ich da einerseits sicher erbsenzählerisch bin, andererseits den Großteil der Macken auch dem Übersetzer zuschreiben würde.

Das fängt damit an, dass ich das Gefühl hatte, sehr viele sprachliche Ungenauigkeiten lesen zu müssen. Ein Beispiel:
S. 63: "Bis ich Tom in Brightman´s Attic kennen lernte.."
- er hat ihn nicht "kennen gelernt", er hat ihn wieder getroffen, wieder gefunden, aber er KENNT ihn eigentlich schon seit der Geburt...

Solche Passagen gibt es eine ganze Menge.

Nathan Glass (welcher Leser zeitgenössischer amerikanischer Literatur denkt bei der Verbindung aus "Nathan", Versicherungsvertreter, Vorstadt und Jude eigentlich nicht an Philip Roth?) ist der eigentliche Erzähler dieses Romans. Und als solcher muss er dann auch immer wieder mit Kommentaren zum weiteren Geschehen eingreifen, die unglaublich banal und, ja, eher auf Groschenromanniveau sind.

Zwischendurch gibts eine Restaurantszene, die mit Regieanweisungen versehen ist, die ich als ziemlich überflüssig erachtete; dann ist mittendrin ein Kapitel plötzlich im Präsens geschrieben, ohne dass ich - trotz langem Überlegen - eine Begründung dafür hätte finden können.

Wie schon erwähnt - es ist ein Roman, der sich durchaus gut liest und irgendwie "nett" ist - aber ich empfand ihn insgesamt auch als ausgesprochen belanglos, obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass er mit dieser Art des Schreibens ein wesentlich größeres Publikum ansprechen kann als bislang.

Paul Auster

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University und verbrachte danach einige Jahre in Paris. Heute lebt er in Brooklyn. Er ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet und hat zwei Kinder

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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