Salman Rushdie - Shalimar der Narr

Originaltitel: Shalimar the Clown
Roman. Rowohlt Verlag 2006
560 Seiten, ISBN: 349805774X

Als India Ophuls kurz nach ihrem 24. Geburtstag ihrem Vater die Tür öffnen will - wird er direkt vor ihrer Haustür ermordet, wird ihm mit einer Klinge der Hals durchgeschnitten. Der Täter? Sein eigener Chauffeur, Shalimar, der Narr, wie er sich selbst nannte. Und warum? Das wird in den darauffolgenden Kapiteln erzählt...

In einem kleinen Dorf in Kaschmir (Pachigam), Anfang der sechziger Jahre, leben Hindus und Moslems, einige Juden, kurz: alle möglichen Glaubensrichtungen friedlich miteinander. Man grenzt sich nicht so genau voneinander ab, hat auch so manche Glaubensvorschrift ein wenig gelockert. So ist das eben im Paradies - und was sonst sollte Kaschmir sein?
Das Dorf lebt davon, dass sie die traditionellen Tänze und Theaterstücke aufführen; erst vor einiger Zeit hatte man sich aber auch darauf spezialisiert, zusätzlich auch noch für die entsprechende Verköstigung zu sorgen und sich damit den Unmut des Nachbardorfs zugezogen, in dessen Revier diese Kulinaria bislang fielen.

In dieser Atmosphäre wachsen nun Boonyi, die Tänzerin, und Shalimar der Clown, ein Hochseilartist, heran. Geboren wurden sie beide während eines unheilsamen Schneesturms in den Gärte von Shalimar; Boonyis Mutter kam dabei ums Leben. Von ihr hat sie die Schönheit geerbt - und auch ein sinnliches Verlangen. Das sie auch auslebt - mit Shalimar. Dass er Moslem ist, sie Hindu, spielt für sie beide keine Rolle.

Doch Shalimar ist nicht der einzige Mann, der Boonyi begehrt; sie werden beschattet, fotografiert, der Öffentlichkeit preisgegeben, in der Erwartung, dass Boonyi daraufhin voller Schande davongejagt würde. Doch der Dorfrat entscheidet anders - die junge Liebe soll leben dürfen, und trotz aller Glaubensunterschiede werden die beiden verheiratet.

Aber ist das wirklich, was Boonyi wollte? Ihr Freiheitsdrang sagt nein - und als sich ihr dann, einige Jahr später, durch einen Auftritt vor dem amerikanischen Botschafter, Max Ophuls, die MÖglichkeit bietet, greift sie zu und wird seine Geliebte.

Sie ahnt nicht, was sie damit für eine Lawine lostritt, was sie aus ihrem Mann damit macht...

Soweit als kleiner Vorgeschmack zum erzählerischen Rahmen der Geschichte; natürlich enthält sie, wie man es von Rushdie kennt, noch sehr sehr viel mehr - vor allem auch an Zeitgeschichte.

Der Kaschmirkonflikt spielt eine herausragende Rolle in diesem Buch; und die Beschreibungen, wie sowohl Indien als auch Pakistan hier ihre Rechte sichern wollen, welche Auswirkungen das auf die Bevölkerung hat, wie und wo radikalisiert wird, weshalb der Widerstand wächst, wieso dann zumindest hier aus erst einfachen Partisanengruppen dann ziemlich gut organisierte, in großen ideologischen Camps geschulte Terroristen werden - diese Beschreibungen also habe ich wirklich mit großer Spannung, viel Interesse und Bewunderung für die erzählerische Leistung gelesen.

Dass Rushdie dann aber auch Max Ophuls noch mit einer Geschichte des Widerstands ausstatten muss (im 2. Weltkrieg in der Resistance), dass die Liebesgeschichte ganz schön drückt, dass so viele für mich einfach nicht nachvollziehbare Anspielungen eingebaut waren, hat mir allerdings viel weniger Freude bereitet. Rushdie hat mich streckenweise richtiggehend erschlagen mit einem Stakkato von Namen, Aufzählungen und Abkürzungen.

Für mich war "Shalimar der Clown" ein Buch, das ich zwar mit Interesse, aber nicht immer gerne gelesen habe. Es war anstrengend, zog sich streckenweise auch ganz schön - aber insgesamt überwogen dann doch die positiven Eindrücke. Eine leicht eingeschränkte Empfehlung also!

Salman Rushdie

Salman Rushdie wurde 1947 in Bombay geboren und studierte in Cambridge Geschichte. Danach arbeitete er am Theater und als freier Journalist und Schriftsteller. Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Romans "Die satanischen Verse" im Jahr 1988 bezichtigte der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini Rushdie der Blasphemie und verhängte über ihn das Todesurteil, die Fatwa. Nach mehr als 10 Jahren mit unbekanntem Aufenthalt in England lebt Rushdie heute in New York.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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