Michael Wallner - April in Paris

Originaltitel: April in Paris
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2006
240 Seiten, ISBN: 3630872212

Im Frühjahr 43 kommt der Obergefreite Roth mit der Wehrmacht nach Paris. Er, der junge Soldat, hat den Krieg bisher noch nicht von seiner grausamen Seite erlebt; kein Fronteinsatz, und mit seinen Sprachkenntnissen hat er bislang eher angenehme Schreibtischjobs zu erledigen gehabt.

Doch in Paris wird er schon nach kurzer Zeit als Dolmetscher an die SS verliehen. Es sind die Aussagen der Gefangenen, die er übersetzen soll; und diese Geständnisse werden durch grausame Folter erzwungen. Dass es tatsächlich Feingefühl ist, die SS-Sturmbahnführer Leupold veranlasst, Roth die schlimmsten Szenen zu ersparen und ihn zu zwischenzeitlichen Rauchpausen einzuladen, begreift Roth erst nach und nach.

Ganz gegen seinen Willen wird Roth auch von Leipold protegiert; dieser nimmt ihn mit zu Veranstaltungen, die eigentlich der SS vorbehalten sind; dass er nicht nur an seinen Sprachkenntnissen interessiert ist, merkt Roth dann spätestens beim gemeinsamen Bordellbesuch.

Doch das kommt erst später. Denn davor spaziert Roth durch Paris; und natürlich registriert er, dass die Gespräche verstummen, sobald man das Knallen seiner Stiefel auf der Straße hört. Dass ihm außerdem viel höhere Preise in den Geschäften genannt werden nimmt er auch als sicher an; auch in der Buchhandlung, die er betritt, weil ihn der Anblick einer hübschen jungen Frau, die in ein Buch versunken davor sitzt, so bezaubert, dass er sie aus dem Ladeninneren heraus einfach ein wenig beobachten muss, wird er nur argwöhnisch beobachtet.

Nein, das ist nicht das Paris, das Roth kennenlernen wollte. Er will auch nicht mit seinen Kameraden nachts durch die Bordelle ziehen; er möchte das Paris der Pariser entdecken. Und da er fließend Französisch spricht, wagt er es eines Nachmittags, das Verbotene zu tun: seine Uniform auszuziehen, in einen Zivilanzug zu schlüpfen und so als Franzose unter Franzosen umherzugehen, wenigstens für ein paar Stunden.

Und natürlich hofft er auch wider die Vernunft, dass die junge hübsche Frau immer noch lesend vor der Buchhandlung sitzt und ihm nun vielleicht sogar ein Lächeln schenkt.

Auch wenn er sie nicht tatsächlich vorfindet - zumindest erfährt er rasch, dass sie die Tochter des Buchhändlers ist. Und in einem Friseursalon arbeitet, den Antoine - so nennt Roth sich in seiner Zivilverkleidung - sofort sucht und sie dort wiedersieht, Chantal.

Immer wieder kehrt er in der nächsten Zeit als Antoine in diese Straße zurück; und tatsächlich weckt er auch Chantals Aufmerksamkeit, darf sich einmal mit ihr treffen, lässt sich von ihr zurückführen - und in die Falle locken.

Denn Chantal ist in der Resistance aktiv; dass ein Fremder, ganz offensichtlich kein Pariser, sich so häufig in ihrer Nähe herumtreibt, macht sie misstrauisch. Für dieses eine Mal kann Roth den Zweifel noch ausräumen, kann entkommen; doch das Glück ist ihm auch bei seiner Versteckerei nicht mehr hold, denn er wurde gesehen. Von einer Deutschen. In Zivil.

Angst lässt ihn seinen Persönlichkeitswechsel in der nächsten Zeit aussetzen; von der Deutschen mehr oder weniger zum Sex erpresst, mit Leupold in SS-Kreisen unterwegs, versucht er, Antoine und natürlich Chantal zu vergessen. Doch dann erfährt er eines Tages, dass die Resistance-Zelle, der Chantal angehört, hochgenommen werden soll; und todesmutig zieht er noch einmal den kleinkarierten Zivilanzug an und wagt sich in den Frisiersalon, um Chantal zu warnen.

Eine dramatische Rettungsaktion folgt - und ein paar kurze Momente des Glücks folgen, doch dann muss Chantal untertauchen...

Schon vor dem Erscheinen des Originals wurden die Übersetzungsrechte an unzählige Länder verkauft; ein internationaler Erfolg ist dem Buch schon aufgrund der Thematik relativ gewiss, eine gehörige Portion Schicksal, Dramatik etc. ist jedenfalls gegeben.

Ich hatte von Wallner bereits ein Buch gelesen, das mir auch nicht schlecht gefallen hatte; auch dieses hier habe ich eigentlich ganz gerne gelesen.

Es dauert zwar eine Weile, bis sowohl die Geschichte als auch die Sprache ihre angemessene Gangart gefunden haben; aber trotz der vielen bemühten Klischees in diesem Roman gab es doch immer wieder Momente, die mich zum raschen Weiterlesen bewegt haben.

Allerdings war das für mich weniger die eigentliche Handlung als die Atmosphäre drumherum; die Art, wie Paris beschrieben wird, die Gerüche, die Stimmen, das Verstummen, das Milchpulver - Kleinigkeiten, die für mich ein unheimlich stimmiges Bild ergeben haben.

Die Liebesgeschichte - nun, ich bin nun mal viel zu pragmatisch, um einer Liebe, die sich rein aus dem Anblick einer Person, die man eigentlich noch gar nicht kennt, sonderlich viel Tiefe zuzugestehen... Aber seis drum, es ist Roths Antrieb, und als solcher zwar wesentlich weniger interessant als es eine Entscheidung aus moralischen Gründen gewesen wäre, aber natürlich viel besser filmisch umzusetzen...

Für mich hakt die Geschichte deshalb auch an so mancher Stelle; als gegen Ende hin dann der Plot im Verhältnis zu den Beschreibungen die Oberhand gewinnt, hat zwar natürlich mein Mitgefühl mit den tragischen Schickalen zugenommen, und ein wenig hab ich auch immer noch an eine glücklichere Endung geglaubt; doch die große Begeisterung hat sich schlussendlich nicht eingestellt.

Entsprechend gespannt bin ich bereits auf die Reaktionen des deutschen Publikums; von mir gibt es drei von fünf Sternen.

Michael Wallner

Michael Wallner, 1958 in Graz geboren, war Schauspieler am Wiener Burgtheater und am Schillertheater Berlin, arbeitete als Opern- und Schauspielregisseur ua in Hamburg, Wien, Bern und Düsseldorf. Heute lebt Michael Wallner als Schriftsteller in Berlin und führt gelegentlich Regie am Burgtheater und anderen Bühnen. Sein 2006 erschienener Roman "April in Paris" wurde in 22 Sprachen übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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