Barbara Nadel - Im Gewand der Nacht

Originaltitel: Harem
Krimi. List Verlag 2004
382 Seiten, ISBN: 3471782427

Kommissar Ikmen muss jetzt schon seit Wochen auf seine Frau Fatma verzichten - sie ist zu ihrem kranken Bruder gefahren, um diesen zu pflegen, und hat ihn mit zweien ihrer neun Kinder allein zurückgelassen. Die zwei Teenager reichen völlig aus, um den ohnehin überarbeiteten Kommissar die letzten Nerven zu rauben.

Als eines Morgens, nachdem seine Tochter Hülya ihm gerade eröffnet hatte, ihren Job zu kündigen und stattdessen Schauspielerin werden zu wollen, ihre beste Freundin morgens nicht zu Hause ist und Hülya ganz offensichtlich mehr darüber weiß, als sie zu sagen bereit ist, ahnt Ikmen aber noch nicht, was noch auf ihn zukommen wird: einige Stunden später nämlich wird er mit dem Leichnam des jungen Mädchens konfrontiert, das, nachdem es mehrfach vergewaltigt wurde, im Schlick einer alten Zisterne vergraben wurde.

Ein Detail daran irritiert Ikmen aber besonders: das Kleid, das das Mädchen trägt, ist ungewöhnlich kostbar. Und nicht besonders offenherzig, nicht das, was man Mädchen, die zum Vortanzen aufgefordert werden (soviel konnte er Hülya dann später entlocken) normalerweise tragen.

Aber schon nach kurzer Zeit wird Ikmen offiziell von den Ermittlungen zu diesem Fall abgezogen. Da sich bei der Obduktion herausstellt, dass sie nicht an den Folgen der Vergewaltigung gestorben war und zudem auch noch trotz ihrer Jugend, keine Jungfrau mehr war, gilt ihr Fall als nicht mehr wichtig.

Zumal sich in der Zwischenzeit etwas wirklich Dramatisches ereignet hatte: der einzige türkische Filmstar, der es in Hollywood zu Ruhm und Ehre gebracht hatte, war gerade mit seiner jungen Frau zum Familienbesuch nach Hause gekommen, als diese in der Innenstadt aus dem Auto heraus gekidnappt wurde...

Als Leser ahnt man natürlich sofort, dass die beiden Fälle eine Verbindung miteinander haben (warum wären sie sonst gemeinsam in einem Krimi zu finden...) - und auch die Auflösung des Kriminalfalls an sich sind dann an mancher Stelle etwas arg an Verschwörungstheorien und Ähnlichem orientiert.

Aber das hat mich beim Lesen überhaupt nicht gestört - viel wichtiger fand ich, wie Barbara Nadel die Stadt Istanbul beschreibt, in der ich ja erst vor ein paar Tagen war, wie sie die Geschichte der Stadt und die unterschiedlichen Bevölkerungs- und Religionsschichten beschreibt, die sich darin mischen. Dazu das ausgesprochen interessante Familienleben ihrer Ermittler, die sie ebenfalls sehr unterschiedlichen sozialen Schichten entspringen lässt, und schon hat man ein Buch vor sich, in dem man auf interessante Weise eine sehr lebendige, aufregende Stadt entdecken kann.

Es ist kein sprachliches Meisterwerk und auch kein Krimi, der durch einen atemberaubenden Plot besticht. Aber es ist ein Roman, der psychologisch sehr spannend und nachvollziehbar gezeichnete Personen bietet und für mich das Flair dieser Stadt, wie ich es bei meinem kurzen Aufenthalt empfunden habe, ausgesprochen gut einfängt. Natürlich ist es trotzdem der Außenblick einer Ausländerin auf eine ihr fremde Gesellschaft; aber für mich hat sie gerade auch politische Strömungen und gesellschaftliche Zustände eingebaut, mit denen man sich ansonsten vielleicht noch weniger beschäftigt hat. Dazu verbindet sie diese aktuellen Geschichten stets mit einem Rückblick auf die Historie, die in dieser Stadt ja noch unglaublich lebendig ist.
Aber nicht nur Istanbul-Reisenden will ich diese Krimis empfehlen - sie lohnen sich auch sonst, auch wenn vielleicht die Erwähnung bestimmter Stadtviertel und sonstiger Eckpunkte weniger Verbindungen hervorruft.

Barbara Nadel

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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