Margriet de Moor - Sturmflut

Originaltitel: De Verdrongene
Roman. Hanser Literatur Verlag 2006
352 Seiten, ISBN: 3446207139

An einem windigen Samstagmorgen bricht Lidy auf, um die Patentochter ihrer Schwester Armanda zu besuchen. Ihre kleine Tochter Nadja überlässt sie Armandas Obhut; auch ihren Mann vertraut sie ihr an.

Eigentlich war das alles Armandas Idee - wie sie wirklich darauf gekommen war, darauf konnte sie sich später selbst keine rechte Antwort geben. Es mag eine Rolle gespielt haben, dass sie sich einst selbst in Lidys Mann ein wenig verliebt hatte, dass es zwischen ihnen immer schon ein wenig geknistert hatte. Es mag auch sein, dass sie ihre ältere Schwester ein wenig beneidete und gerne an der Seite dieses gutaussehenden Mannes die Party besuchen wollte, zu der sie beide eingeladen waren.

Aber es war ihr noch nie schwer gefallen, Lidy von einem ihrer Vorschläge zu überzeugen; und dass Lidy die Familie, zu der sie da aufbrach, gar nicht kannte, spielte dabei kaum eine Rolle. Die beiden Schwestern sahen sich so ähnlich, dass es wahrscheinlich im ersten Moment ohnehin keinem auffallen würde.

Lidy sollte von diesem Ausflug nie mehr wiederkommen. Erst 30 Jahre später wurde etwas gefunden, das man mit einiger Vermutung als ihre sterblichen Überreste identifizieren konnte; denn Lidy fuhr geradewegs in eine der größten Naturkatastrophen, die die Niederlande je heimgesucht hatten, eine Sturmflut, die Teile des Landes einfach ausradierte.

Mit vielen technischen Details wird dann auch erklärt, wie sich dieses Sturmtief zusammensetzte, wie die Kombination aus Wind, Gezeiten, der Einfluss des Mondes zusammenspielte, um diese alles verschlingende Sturmflut zu verursachen.

Während der Leser also mit Lidy dem Unwetter entgegenfährt und ihre letzten 36 Stunden erlebt, geht die Zeit bei Armanda im Schnellverfahren durch. Ihr kleiner Flirt mit Lidys Mann auf der Party, die Unsicherheit, als von Lidy dann keine Nachricht kommt, die Entdeckung der Katastrophe, die Suche nach Lidy, die Probleme, sie für tot erklären zu lassen, die kurz darauf folgende Heirat mit Lidys Mann - für Armanda ist es, als wäre sie dazu verdammt, Lidys Leben weiterzuleben, als würde dieser Tausch ihr einerseits eine moralische Verpflichtung auferlegen, sie aber gleichzeitig auch in das Leben hineinführen, das sie sich einst erträumt hatte. Aber nicht um diesen Preis.

Nachdem wohl jedem noch die schrecklichen Bilder des Tsunami 2004 lebhaft vor Augen stehen kann man sich unter der Schilderung dieser Sturmflut wohl sehr viel mehr vorstellen. Die Ahnungslosigkeit der in Kürze Ertrinkenden, die Unvorstellbarkeit des Geschehens - all diese Schilderungen verbanden sich zumindest für mich sofort mit den Bildern und Geschichten, die vor einem guten Jahr um die Welt gingen.

Doch davon abgesehen war ich von diesem Roman im Grunde enttäuscht. Zwar fand ich die Idee, die beiden Erzählstränge parallel laufen zu lassen und dabei doch einen unterschiedlichen Zeitraum abzudecken technisch interessant und gut gelöst. Doch meine Probleme fangen schon mit der Grundkonstellation an: mir erschien schon dieser Schicksalstausch sehr fadenscheinig, psychologisch kaum nachvollziehbar. Dann werden die Erlebnisse Lidys aus ihrer Perspektive heraus erzählt, immer wieder auch mit ihren Gedanken, Gefühlen im Vordergrund - aber schon die Tatsache dass sie ja nicht überlebt und ihre Geschichte somit gar nicht schildern kann erzeugt einen Missklang. Das ist der Autorin wohl auch durchaus bewusst, jedenfalls thematisiert sie es während des Erzählens selbst, aber auch hier erschien mir die Auflösung als zu aufgesetzt.

Die Dramatik der Ereignisse in Lidys letzten Stunden, die vielen Menschen, die dann noch einen Namen, ein Schicksal erhalten, erschienen mir dann auch an vielen Stellen arg aufgesetzt; natürlich muss in diesen letzten Stunden noch eine Geburt stattfinden, um nur ein Beispiel zu nennen.

Aber wirklich schade finde ich, dass sie Armandas weiteres Leben so oberflächlich schildert. Was hätte man aus dieser Ausgangslage machen können, wie interessant wäre es, Armanda nicht nur oberflächlich zaudern zu sehen, sondern ihr Innerstes zu durchleuchten, ihre Schuldgefühle zu erleben, ihr Übernehmen einer Rolle, ihr Aufbegehren. Doch sie bleibt als Figur seltsam blass, auch hier nur ein Abklatsch Lidys.

Dass mir das letzte, unglaublich kitschige Kapitel eines Zwiegesprächs zwischen der inzwischen in einem Pflegeheim im Sterben befindlichen Lidy mit der toten Schwester mich dann endgültig zum Urteil gebracht hat, dass man dieses Buch nicht unbedingt lesen muss, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.

Schade, finde ich - ich hatte mich auf dieses Buch sehr gefreut.

Margriet de Moor

Margriet de Moor, geboren 1941, studierte in Den Haag Gesang und Klavier. Nach einer Karriere als Sängerin studierte sie in Amsterdam Kunstgeschichte und Architektur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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