Sherko Fatah - Im Grenzland

Originaltitel: Im Grenzland
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2003
189 Seiten, ISBN: 3442730597

Das "Grenzland" befindet sich laut Klappentext zwischen Türkei, Iran und Irak - im Buch selbst wird auf die genauen geographischen Verhältnisse kaum Bezug genommen, nur einmal wird der Text zeitlich in der Phase nach dem 1. Golfkrieg (aber noch vor dem 2., das Buch ist bereits 2001 erschienen) verankert.

Ein Mann, der nur als der Schmuggler bezeichnet wird, bewegt sich auf nur ihm bekannten Pfaden durch das verminte Gelände des Grenzlandes, um Computer, Alkohol, oder was sonst von ihm erbeten wird, über die Grenze zu bringen. Seine Schwester mit seinem Schwager wohnt jenseits der Grenze; bei ihnen findet er dann jeweils Unterschlupf, sein Schwager besorgt die Güter für ihn.

Seit seiner Schmuggeltätigkeit ist sein Ansehen in gewisser Weise gestiegen; er verkehrt nun auf fast schon gleicher Höhe mit den großen Händlern - und wird in Wirklichkeit doch auch wieder nur geduldet. So wie er auch selbst Benno schon alleine deshalb mit Achtung begegnet, weil er weiß, dass er ihm schaden könnte.

Benno war es auch, der ihn als erster davor gewarnt hatte, dass sein Sohn, das Böckchen, unter Beobachtung stünde; sein Ältester war in einer Koranschule. Eigentlich waren die Elter froh gewesen, dass er da zu Essen bekam, einer weniger, der durchgefüttert werden musste, und sein Verhalten den Eltern gegenüber hatte sich auch als viel respektvoller herausgestellt. Erst nach der Warnung fing der Schmuggler verstärkt an, sich wieder um den Sohn zu bemühen - doch der war nicht mehr erreichbar, war von einer Ideologie durchseelt, die stärker war als die Bande zu den Eltern.

Eines Tages war das Böckchen dann verschwunden - und der Schmuggler grämt sich bei seinen einsamen Wanderungen durch das Grenzland immer noch um seinen Verbleib...

Ich habe selten Leere und Landschaft als so intensiven Bestandteil eines Romans wahrgenommen wie hier in diesem Buch; wenn geschildert wird, wie nah der Schmuggler an jedem Detail der kargen Erde ist, die er durchwandert, wie eine winzige Veränderung ihm zeigt, dass er Gefahr läuft, vom sicheren Pfad abzukommen - es hat mich wirklich gefesselt, das zu lesen.

Auch die Art, wie die einzelnen Geschichten aus der Vergangenheit, die gleichzeitig den Alltag in einer Region schildern, die durch den Krieg eigentlich keinen Alltag mehr hat, in diese Wanderungen eingebaut sind, fand ich ausgesprochen gelungen; es erfordert zwar eine Menge Konzentration beim Lesen, aber die wird durch einen eindrucksvollen Roman belohnt.

Ein schönes Buch ist es dennoch nicht. Mir gings nach der Lektüre wirklich nicht gut; die Trostlosigkeit, die Brutalität, die hier vorkommt, erscheinen trotz der distanzierten Schilderung so nah, dass sie mich über Gebühr berührt haben.

Eine Empfehlung, die ich gerne weitergebe!

Sherko Fatah

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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