Jessica Durlacher - Emoticon

Originaltitel: Emoticon
Roman. Diogenes 2006
480 Seiten, ISBN: 3257065159

Ester war nach der Scheidung von ihrem Mann Philip nun das erste Mal seit sehr vielen Jahren, genauer, seit einer Zeit, die vor ihrem Kennenlernen lag, wieder in Israel gewesen, zu einer Tagung; hier war ihr passiert, was sie sich nicht hätte erträumen lassen, die Begegnung mit einem Mann, voller Leidenschaft; mit ihm war sie vorzeitig von der Tagung ins Hotel zurückgeeilt. Schon wenige Stunden später wird sie aus diesem Traum gerissen: es hat ein Selbstmordattentat gegeben. In Jerusalem. Und zwar einen Anschlag auf die Tagung, die sie besucht hatte. Die Menschen, mit denen sie gerade erst am Tisch saß: tot.

Kein guter Start für eine neue Beziehung; Ester bleibt nicht, kehrt zurück nach Amsterdam, zurück in ein unaufgeregtes, jetzt auch sehr einsames Leben. Ihr fällt nur ein Mensch ein, dem sie das alles erzählen kann, ein Mensch, der sie schon seit Ewigkeiten, in mal mehr, mal weniger großer Intensität begleitet: ihre Freundin Lola. Mit ihr war sie damals, mit 19, nach Israel aufgebrochen, in eine Welt des Abenteuers, voller Idealismus in einen Kibbuz.
Beide Freundinnen hatten sich dort verliebt, sich dabei auch entfremdet; und als Ester dann den Mann, in den sie sich verliebt hat, mit Lola zusammen sieht, glaubt sie, dass diese Freundschaft nicht mehr zu beleben ist.

Doch Lola war, wie sich herausstellte, einige Monate nach Ester nach Holland zurückgekommen; und sie war nicht allein. Sie war schwanger, sie bekam das Kind, war lange Zeit alleinerziehend, und Ester liebte den kleinen Daniel abgöttisch.

Daniel war nun selbst beinahe in dem Alter, in dem die beiden Freundinnen damals nach Israel aufgebrochen waren; und auch er will nach Israel, will sich als Freiwilliger zum Militärdienst melden, will dafür kämpfen, dass sein Volk hier einen eigenen Staat hat.

Auf der anderen Seite der Grenze kämpft Aischa ebenfalls - sie, die junge Palästinenserin, deren Familie einst ein Haus in Israel hatte, hat von klein auf nichts anderes kennen gelernt als Hass; und schon als Kind hatte sie alles getan was ihr möglich war, die feindlichen Besatzer zu provozieren, zu stören, zu verjagen. Viele Stunden und Tage hatte sie eingesperrt von den jüdischen Militärs verbracht; doch immerhin hatten diese Stunden ihr ein außergewöhnlich gutes Englisch eingebracht, das ihr jetzt, bei ihren ersten Gehversuchen als Journalistin, zugute kommt.

Doch die Leserschaft, die Aischa mit ihren Artikeln erreicht, ist ihr zu wenig - sie will mehr, mehr Aufmerksamkeit, aber vor allem will sie zeigen, dass nicht nur die Männer Mut haben und handeln können. Und hier kommt Daniel ins Spiel...

Was mich an diesem Buch hauptsächlich gestört hat: dass mir auf jeder Seite entgegenprangte "ich versuche einen objektiven Standpunkt zur Palästina-Frage zu vermitteln, ich kläre auf, ich stehe auf beiden Seiten"; zum anderen erschien mir auch die Schilderung der beiden Jugendlichen in ihren Handlungs- und Kommunikationsweisen stellenweise arg konstruiert, vor allem die Emoticons aus dem Titel sind mehr störendes als schmückendes Beiwerk.

Gut ist die Autorin allerdings immer dann, wenn sie sich weniger mit der aktuellen Zeitgeschichte und der Botschaft, die sie dazu vermitteln will, beschäftigt, und dafür die zwischenmenschlichen Konflikte ihrer Hauptfiguren immer weiter aufdröselt.

Die wechselhafte Freundschaft zwischen Lola und Ester, die immer wieder wechselnden Abhängigkeiten und Bedürftigkeiten, fand ich großartig beschrieben, auch das Konkurrenzdenken, das beide sich gar nicht wirklich eingestehen wollen.

Diese Teile des Buches (die glücklicherweise nicht unerheblich sind) habe ich beim Lesen genauso genossen wie auch in anderen Durlacher-Romanen.

Insgesamt jedoch hatte ich mir von diesem Roman deutlich mehr versprochen.

Jessica Durlacher

Jessica Durlacher wurde 1961 in Amsterdam geboren, hat als Literaturkritikerin für diverse Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Mann (Leon de Winter) und ihren zwei Kindern in Bloemendaal und Malibu.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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