Bernhard Schlink - Die Heimkehr

Originaltitel: Die Heimkehr
Roman. Diogenes 2006
384 Seiten, ISBN: 3257065108

Die Kindheit von Peter Debauer in den fünfziger Jahren teilt sich für ihn ganz klar in zwei Welten auf - da ist einmal das Leben bei seiner alleinerziehenden Mutter, der Vater war nicht aus dem Krieg nach Hause gekommen; die Mutter ist streng und ehrgeizig, das Verhältnis zu ihr zwar gut, aber nicht besonders herzlich-innig.

Und dann sind da die Sommerferien, die er bei seinen Großeltern in der Schweiz verbringt. Hier erlebt er Geborgenheit und Zugehörigkeit, erlebt die Vertrautheit, die die Großeltern auch miteinander haben, und darf auch Fragen nach seinem Vater stellen, dem er sehr ähnlich sieht. Mit dem Großvater unternimmt er lange Spaziergänge; und abends sitzt er dann am Küchentisch, während die Großeltern Heftchenromane redigieren, womit sie sich ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Papier ist knapp zu dieser Zeit; die Rückseite dieser Heftchen erhält Peter zum Malen, mit der strikten Auflage, die Vorderseite nicht zu lesen.

Lange hält er sich auch an dieses Verbot. Es ist eher Zufall, dass er eines Tages dann doch zu lesen beginnt - und sich sofort festliest an dieser Geschichte, in der ein Mann seinen langen, harten Heimweg von Stalingrad beschreibt. Doch leider bricht der Roman mittendrin ab - die restlichen Seiten hat er bereits verbraucht, sie sind nicht mehr auffindbar.

Doch die Geschichte lässt ihn nicht los. Im nächsten Sommer versucht er, das Ende auffindig zu machen, doch auch wenn er im Schlafzimmer der Großeltern alle Hefte der Reihe findet - dieser fehlt.

Im Laufe der nächsten Jahre wird die Suche weniger dringlich, fast vergisst er sie ganz. Die Großeltern sterben, die Mutter macht Karriere, er selbst studiert - doch dann kommt wieder ein toter Punkt in seinem Leben, an dem er dann die Suche wieder aufnimmt und diesmal zumindest teilweise Erfolg hat.

Nun kann er das Ende endlich lesen; und nun, als Erwachsener und wesentlich belesener als noch in Kinderjahren, erkennt er auch die Motive der Odyssee darin. Aber er findet noch Überraschenderes: er findet das Haus, in das der Held der Geschichte zurückkehrt, so akribisch beschrieben, dass es ihm unmöglich erscheint, er hätte nicht hier gelebt.

So setzt er nun die Suche fort - diesmal nach dem Autor, dessen Spur sich immer wieder verwischt, bis er unter neuem Namen irgendwo auftaucht. Und er findet auch etwas, was er gar nicht gesucht hatte: Barbara. Barbara, die in der Wohnung lebt, die im Roman beschrieben wird, Barbara, die aber bald zu dem Teil seines Lebens wird, den er unbewusst immer vermisst hat.

Aber dieses Glück setzt er aufs Spiel, als er erneut Neuigkeiten über den mysteriösen Autor erfährt - und eine viel weitreichendere Verbindung ahnt...

Nein, "Die Heimkehr" ist kein Krimi. Es besitzt auch nicht ganz die Dramatik des "Vorlesers" - die moralische Fragestellung ist hier nicht so deutlich erkennbar, aber trotzdem auch vorhanden.

Ich bin normalerweise kein Freund von Romanen, denen man ihr Konstruktionsgerüst, das Handwer, zu deutlich ansieht. Die Odyssee, die für diesen Roman Pate gestanden hat, ist hier in doppelter Spiegelung vorhanden; die daraus resultierenden Zufälle und Umwege sind nicht immer ganz glatt eingepasst, haben mich hier aber nicht gestört.

Es gibt einige Passagen in diesem Buch, die ich nochmals aus einiger Distanz auf mich wirken lassen möchte - und da das Hörbuch bald erscheint, hoffe ich, auch bald darüber berichten zu können.

Mir jedenfalls hat dieser Roman sehr gut gefallen; Schlink hat eine Art zu erzählen, die meinem Bedürfnis nach Klarheit, Schnörkellosigkeit und Gehalt sehr entgegenkommt.

Bernhard Schlink

Bernhard Schlink - Student in Heidelberg und Berlin, wissenschaftlicher Assistent in Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg. Promotion 1975 (Abwägung im Verfassungsrecht, 1976), Habilitation 1981 (Die Amtshilfe. Ein Beitrag zu einer Lehre der Gewaltenteilung in der Verwaltung, 1982). Professor in Bonn, Frankfurt und seit 1992 an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1993 Gastprofessor an der Yeshiva-University New York. Gemeinsam mit Bodo Pieroth Autor des Lehrbuchs "Grundrechte" (11. Auflage 1995). Von 1988 - 2005 Richter des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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