John Irving - Bis ich dich finde

Originaltitel: Until I Find You
Roman. Diogenes 2006
1152 Seiten, ISBN: 3257236212

Ich habe bislang jedes Buch von John Irving gelesen, das auf Deutsch erschienen ist. Jedes. Bis zum Schluss. Und bislang hat mich auch noch jedes Buch auf irgendeine Weise begeistert, bis auf "Die vierte Hand", aber auch da gabs durchaus Momente, die mir nahegegangen sind.

Als ich dann den Anfang von Irvings neuem, unglaublich dicken Roman gelesen hatte, war ich eigentlich auch recht positiv überrascht. Die Geschichte von Tochter Alice, die sich mit ihrem vierjährigen Sohn Jack durch die Häfen Nordeuropas aufmacht, um den Vater des Jungen zu suchen, bietet eine Fülle von einzigartigen Figuren, denen wir als Leser begegnen - Menschen, mit denen wir sonst nie in Berührung kämen, Tätowierer, ihre Kunden, die Philosophie, die hinter diesem mit Schmerz verbundenem Körperschmuck steckt, die Auswahl und Bedeutung der Motive; kurz: pralles, dichtes Leben. Außerdem weiß man nie, wie sich die Geschichte jetzt noch weiterentwickeln könnte, welche verschlungenen Wege Tochter Alice eingehen wird, um den tintensüchtigen Vater des Jungen zu stellen.

Ein Jahr hat sie sich für diese Suche Zeit gegeben; wenn sie ihn bis dahin nicht gefunden hat, dann will sie mit Jack nach Kanada zurückkehren und ein normales Leben beginnen - so geschieht es.

Aber ganz normal wird das Leben dann doch nicht - wie auch, bei einer Mutter, die als Tätowiererin arbeitet, also in einem doch als etwas anrüchig angesehenem Milieu. Und mit Jack, der als einziger Junge eine Mädchenschule besucht.

Eine Schule, an der sein Vater, wie er bald darauf erfahren soll, unterrichtet hat. Orgel. Einer Schule, deren Schülerinnen von William Burns geschwärmt haben. Einer Schule, in der er von den Lehrerinnen geliebt worden war. Einer Schule, in der rasch festgestellt wird, wie hübsch Jack Burns ist. Und wie ähnlich er seinem Vater ist...

Was machen Horden von Mädchen, wenn sie einem kleinen wehrlosen Jungen begegnen, der noch dazu hübsch ist? Genau. Sie haben natürlich nichts besseres zu tun, als auszuprobieren, wieweit er anders ist als sie, wie sein Penis funktioniert, was ihn in Fahrt bringt; kurz, er wird schon hier sexuell missbraucht, aber auch angeleitet; und er findet hier seine beste Freundin, Emma. Dass Tochter Alice und Emmas Mutter zusammenleben erleichtert Emmas Zugriff; doch wirklich angelernt wird Jack dann erst von einer älteren Frau, die eigentlich auf ihn aufpassen sollte.

Sein Appetit auf ältere Frauen ist geweckt; mit ihnen weiß er umzugehen. Aber auch selbst ist er in der Lage, in die Rolle einer Frau zu schlüpfen, wie er in zahllosen Schulaufführungen glamourös beweist; seine Laufbahn als Schauspieler ist vorgezeichnet.

An Frauen mangelt es in seinem Leben nie - doch auf eines kann er sich nicht festlegen: selbst Kinder zu bekommen. Zu sehr fühlt er sich davon geprägt, dass sein Vater ihn schon als Kleinkind verlassen hat, und er will erst dann selbst welche in die Welt setzen wenn er mit Sicherheit weiß, dass sein Vater mit einer anderen Frau noch ein Kind gezeugt hat, dem er auch tatsächlich ein Vater war...

Mich hat John Irving in diesem Buch an der Stelle verloren, als Jack in die Mädchenschule kam. Die Schilderung dieser sexuellen Übergriffe, die Fixierung auf das Thema Sex bei Minderjährigen überhaupt, haben mich irgendwann nur noch abgestoßen; es wiederholte sich vor allem ständig, ohne dabei Neues zu bringen, ohne einen anderen Zweck zu verfolgen, als durch schiere Masse zu glänzen.

Solange Jack Burns ein Kind ist, solange er seine Erlebnisse vorwiegend aus den Erzählungen anderer speist, hatte das ganze für mich - vor allem vor dem Hintergrund der späteren Entwicklung und anderen Betrachtung dieser Reise - auch literarisch noch einigen Reiz. Doch ab der Mädchenschule wurde mir von einem Menschen erzählt, der mir noch nicht einmal unsympathisch war, sondern - viel viel schlimmer! - er war mir gleichgültig.

Jack Burns blieb für mich während dieser doch sehr langen Lektüre eine blasse, nichtssagende Figur; ihm geschieht, rund um ihn wird gelebt, aber er selbst? Er ist sein Penis, immer in der Hand einer anderen Frau, mal in Aktion, mal in Ruhezustand, und er hat mich damit zutiefst gelangweilt.

Zwischendurch gabs dann zwar immer mal wieder Passagen, die mir zeigten, dass Irving eigentlich nach wie vor erzählen kann. Aber sie waren selten.

Ich habe das Buch bereits zu Weihnachten gelesen - und jetzt, in Österreich, die Gelegenheit genutzt, es vor dem Schreiben meiner Meinung nochmal zur Hand zu nehmen, nach den Motiven für meine Ablehnung dieses Buches zu suchen. Unmittelbar nach der Lektüre hatte ich den Eindruck, ich wäre vielleicht einfach aus Irving hinausgewachsen, wäre jetzt einfach in einer anderen Lebensphase, in der ich mit seinem deftig-prallen Geschichten nichts mehr anfangen kann.

Und teilweise trifft das auch mit Sicherheit zu. Doch es ist mehr als das. Irving hat in vielen Interviews erzählt, dass dieser Roman noch viel persönlicher wäre als alle anderen, hat erwähnt, wie viel von seiner eigenen Geschichte darin eingeflossen ist. Er hat viele Motive daraus auch in seinen anderen Büchern bereits verwendet - nur mit dem Unterschied, dass er dort in der Lage war, seine Erlebnisse als Grundlage für eine Erzählung zu nehmen, die nicht unbedingt an den realen Fakten klebte, aber gerade durch die gute Erfindung so glaubwürdig wurde.
Bei "Bis ich dich finde" hingegen hatte ich den Eindruck, dass ihm genau das nicht gelang, dass er viel zu sehr an dem klebte, was tatsächlich geschah, und dadurch nicht in der Lage war, die Flügel zu spreizen und zu fliegen zu beginnen.

John Irving

John Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Toronto und im südlichen Vermont.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©22.04.2006 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing