Friedrich Christian Delius - Mein Jahr als Mörder

Originaltitel: Mein Jahr als Mörder
Roman. Rowohlt Verlag 2005
304 Seiten, ISBN: 3499239329

Als der Ich-Erzähler dieses Romans in den Radionachrichten hört, dass der Richter R. für seine Todesurteile in der NS-Zeit keine Strafe zu entrichten hat, vernimmt er gleichzeitig eine Stimme die ihm aufträgt, in diesem Fall selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. Denn R. hatte auch das Todesurteil für den Vater seines besten Freundes unterzeichnet, für Georg Groscurth.

Es ist die Zeit der Studentenunruhen, der Radikalisierung; jeder hat eine politische Meinung, Gewalt wird immer mehr zum Mittel der Wahl. Den Richter R. nur zu erschießen wäre zu wenig; wenn jedoch gleichzeitig ein Buch über Groscurth, über den Prozess erschiene, dann vielleicht könne man die Tat entsprechend würdigen.

Immer wieder besucht er Anneliese Groscurth, lässt sich von ihr erzählen, wie es war, damals, im Krieg; aber neben dieser Geschichte des Helden, der sich nicht durch politische Überzeugungen, sondern ein zutiefst menschliches Empfinden leiten ließ, rückt immer mehr das Schicksal seiner Witwe in den Vordergrund, die in den fünfziger Jahren als Kommunistin gebrandmarkt wird (obwohl sie nie eine war), der ihr Status als Opfer des NS-Regimes aberkannt wird, der die Witwen- und Waisenrente gestrichen wird, die keine Anstellung mehr erhält und daher in Ostberlin arbeitet; und im Leser steigt immer stärker die Wut hoch ob dieser Ungerechtigkeit, in der ein Opfer weiter schikaniert wird, während die früheren Täter mit vollen Bezügen ein ruhiges, unbehelligtes Leben genießen können.

Diese Wut ist es in meinen Augen auch, die der Autor damit erzeugen will; die Rechtfertigung für die geplante Tat des Ich-Erzählers. Und diese Informationen, die, soweit ich das nachlesen konnte, gründlich recherchiert sind, sind es auch, die das Buch für mich so interessant machten, so packend und wichtig. Für mich war die Kälte des kalten Krieges wie sie hier geschildert wird nie so deutlich erschienen, und ich habe vieles gelesen, was für mich noch neu war, mich zu weiteren Nachforschen angeregt hat.

Aber hier komme ich auch schon zu den für mich wichtigsten Kritikpunkten an diesem Roman: obwohl die erzählte Geschichte sehr real ist, ist es doch als ROman geschrieben, eingebettet in eine überkonstruierte Rahmenhandlung. Denn dass der Erzähler den Mord nie begehen wird, ist schon von Anfang an klar, und auch das Drumherum erscheint allzu oft einfach aufgesetzt. Ich hätte gerne mehr über die 68er erfahren, aus einer Perspektive, die nicht abgeklärt-distanziert, sondern engagiert und beteiligt ist.
Aber vor allem hätte ich mir ein Nachwort gewünscht, aus dem hervorgeht, was an dieser Geschichte auf Fakten beruht und was Fiktion ist. Die Fiktionalisierung der Geschichte führt nämlich auch dazu, dass man manche Passagen die allzu schlimm erscheinen auch als "naja, ist ja eben ein Roman" abtun könnte.

Dennoch hat das Buch mich, wie schon erwähnt, sehr gefesselt und beschäftigt. Immerhin so sehr beschäftigt, dass ich auch über sprachliche Hölzernheit hinwegsehen konnte; anderen aus meiner Lesegruppe ist das weniger gelungen. Es sind viele missglückte Metaphern in diesem Roman; die Hydra der Justiz zum Beispiel war uns allen sehr negativ aufgefallen. Aber auch sonst war es nicht nur für mich in literarischer Sicht kein gutes Buch; Rahmenhandlung unglaubwürdig, Sprache hölzern, stark auf Effekte hin ausgerichtet - das waren die Hauptkritikpunkte, die in unserer Gruppe fielen.

Friedrich Christian Delius

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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