Fjodor M. Dostojewski - Die Sanfte

Originaltitel: Krotkaja
Roman. Insel Verlag 1985
88 Seiten, ISBN: 3458328386

Ein Mann steht am Totenbett seiner Frau und klagt sich an; er, er allein ist schuld daran, dass sie sich aus dem Fenster gestürzt hat. Oder ist doch nicht er es allein? Wurde nicht auch ihm übel mitgespielt?

Zwischen Selbstanklage, Verzweiflung, Rechtfertigung und Trauer springt dieser Bericht herum; die Geschichte selbst wird allerdings sehr linear erzählt.

Der Mann hatte sich seine Frau hauptsächlich deshalb ausgesucht, weil sie noch so jung war, keine andere Wahl hatte, und ihm deshalb für sein Vorhaben ideal erschien: sie durch sein Verhalten zu einer tiefstliebenden Unterwerfung zu bewegen, sie zu beugen, zu brechen, ihr Meister zu sein.

Doch auch wenn das junge Mädchen, das als Waise bei seinen Tanten lebte und gerade an einen Kaufmann mit etlichen Kindern verheiratet werden sollte, dem schon einige Frauen weggestorben waren, ihn anfangs tatsächlich als Retter betrachtet, davon beeindruckt ist, dass er nicht nur Bücher besitzt, sondern sie sogar gelesen hat, und anfangs durchaus gewillt ist, ihm ein zärtliches Interesse entgegenzubringen, stößt er sie mit seinem kalten Verhalten immer wieder weg.

Dass sie dann irgendwann anfängt, entgegen seinen ausdrücklichen Anweisungen auch alleine das Haus zu verlassen, wird er misstrauisch und tatsächlich: seine Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen. Er besticht ihre Tanten und so ist er Zeuge eines Treffens - ausgerechnet mit seinem früheren Hauptmann, der seiner Frau von seiner frühen Schande erzählt. Die weiteren Ambitionen des Hauptmanns weist sie jedoch zurück; diesen Augenblick wählt ihr Angetrauter, sich zu zeigen, beglückt darüber, wie gut sie sich zur Wehr zu setzen wusste.

Etwas zerbricht an diesem Abend in ihr; nachdem sie es zu Hause dann nicht schafft, ihn zu erschießen, wird sie schwerkrank, ihr Lebenswille erlahmt. Und er? Er sorgt dafür, dass sie genügend Pflege hat, zeigt ihr aber auch nun keinerlei Wärme. So leben sie nebeneinander her, freud- und lieblos; und erst, als er sie eines Tages summen hört und begreift, dass sie das seit den glücklicheren Tagen nicht mehr getan hatte, ja, dass sie nur summt, weil sie seine Anwesenheit so komplett vergessen hat, weiß er, dass er sie liebt...

Man vergisst beim Lesen rasch, wie alt diese Erzählung schon ist, dass so etwas wie der innere Monolog damals noch kein bekanntes literarisches Stilmittel war, dass das alles noch vor den Zeiten der Psychoanalyse geschrieben wurde; und wenn man die paar äußeren Umstände, die so heute nicht mehr so ohne weiteres denkbar sind, weglässt, ist es auch als Beziehungsdrama nach wie vor brandaktuell.

Eine Erzählung, die mir wirklich ausgesprochen gut gefallen hat, und über die wir in der Mittwochslesegruppe dann auch ausufernd diskutiert haben.

Eine Empfehlung!

Fjodor M. Dostojewski

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821 - 1881) war Sohn eines Armenarztes aus Moskau. Nach kurzer Tätigkeit als technischer Zeichner im Kriegsministerium wurde er freier Schriftsteller. Vier Jahre Zwangsarbeit als politischer Häftling und beständige Geldnot wegen seiner Spielerleidenschaft zeichnen den unermüdlich Schaffenden. St. Petersburg wird die zweite Heimat dieses bedeutendsten Russischen Realisten und Hauptschauplatz seiner berühmtesten Romane, die bis heute weltweit bewundert und gelesen werden.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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