Daniel Kehlmann - Ich und Kaminski

Originaltitel: Ich und Kaminski
Roman. Suhrkamp Verlag 2004
174 Seiten, ISBN: 3518456539

Sebastian Zöllner begreift sich selbst als aufstrebenden Stern am Kunstkritikerhimmel; er hat einige Artikel geschrieben, die viel Beachtung fanden, und nun will er endlich seine erste richtige Künstlerbiographie schreiben (und nicht nur immer wieder diejenigen seines Konkurrenten vernichtend beurteilen).

Als aussichtsreichen Kandidaten dafür hatte er Kaminski ins Auge gefasst; Kaminski, der Öffentlichkeitsscheue, der sich - fast blind - seit Jahren in einem kleinen Nest in den Bergen verkriecht. Kaminski, um den sich Legenden ranken. Und: Kaminski, der alt genug ist, um vermutlich nicht mehr lange zu leben zu haben, was die Verkaufszahlen der Biographie erheblich steigern würde.

Sebastian hatte sich vorbereitet, hatte sich mit all den Menschen getroffen, die Kaminski noch zu seiner aktiven Zeit gekannt hatten, hatte dabei aber auch sehr Verwirrendes erfahren; unter anderem auch davon gehört, dass es eine große Jugendliebe geben soll, Theresa...

Als Sebastian dann aber eintrifft, ist erst gar nichts so wie erwartet. Gut, er kommt einen Tag zu früh - aber offene Arme sind etwas anderes. Dass er sich dann eben trotzdem zum Abendessen selbst einlädt, nachdem es schon sonst niemand tut ist nur eines der Zeichen, wie Zöllner vorzugehen pflegt.

Er schafft es denn auch, seine Zeit alleine mit Kaminski zu verbringen, was von dessen Tochter zu verhindern gesucht wurde. Aber diese Zeit läuft ein wenig anders ab, als Zöllner sich das vorgestellt hatte - irgendwann begreift sogar er, dass er die Fäden nicht mehr in der Hand hat...

Ich habe mich auf diesen 170 Seiten wirklich hervorragend amüsiert. Zöllner, aus dessen Perspektive erzählt wird, zeigt wirklich keine Charaktereigenschaften, die ihn dem Leser sympathisch machen - er hat überschätzt sich selbst maßlos, ist von seiner animalischen Wirkung auf Frauen überzeugt, auch von seiner fachlichen Kompetenz - und dabei sieht man doch, auf wie tönernen Füßen das alles gebaut ist.

Auch dass es sehr leicht ist, ihn zu verunsichern, zeigt sich sehr früh - der leichthin gesagte Kommentar des Schaffners, er bekäme eine Glatze, verfolgt Zöllner durchs ganze Buch.

Der gesamte Kulturbetrieb, vor allem aber die Kritiker, werden hier auf wunderbare Weise karikiert.

Dabei habe ich es besonders genossen, dass Kehlmann dazu nicht ausschweifend erzählen und beschreiben muss - seine Geschichte ist auf das WEsentliche kompensiert und lässt der Phantasie des Lesers genug Spielraum, die Zwischenräume selbst auszufüllen.

Sehr empfehlenswert - und ich werde mir sicher in der nächsten Zukunft auch noch die anderen Bücher von ihm besorgen.

Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann, geboren 1975 in München, lebt in Wien und studierte dort Philosophie und Literaturwissenschaft.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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