Arthur Schnitzler - Leutnant Gustl. Gelesen von Thomas Morris

Originaltitel: Leutnant Gustl. Gelesen von Thomas Morris
Hörbuch - Roman. Argon Verlag 2003
1 CDs, ISBN: 3866103514

Arthur Schnitzler hat in dieser Novelle das Wien der Jahrhundertwende wunderbar, in aller untergehenden Pracht, porträtiert. Durch die Augen des Leutnant Gustls, der sich im Konzert langweilt, der die Frauen beobachtet, dabei an seine Mätresse denkt, den Korb, den sie ihm für den Abend gegeben hat, werden wir mit den Ehrbegriffen der Zeit konfrontiert.

Denn an der Garderobe wird er von einem gemeinen Bürgerlichen mit "Stoßen Sie nicht so" angesprochen, worauf er mit einem "Halts Maul" reagiert - und zu spät erkennt, dass der Angesprochene vor ihm ihm jeden Tag im Kaffeehaus begegnet. Und ihn jetzt auch noch am Säbel packt und ihn einen "dummen Bub" schimpft! Dabei ist dieser Bürgerliche doch nicht einmal satisfaktionsfähig! Wenn das jemand gehört hat... aber auch, wenn es niemand gehört hat, schon alleine die Tatsache, dass der Bäcker es irgendjemandem weitererzählen könnte genügt ihm klarzumachen, dass er eigentlich nur einen Ausweg hat: er muss sich umbringen.

Und so treibt es ihn dann durch die Wiener Vororte, in den Prater, unablässig mit sich selbst ringend, sich Gedanken darüber machend, ob er einen Abschiedsbrief hinterlassen sollte, wer wohl an seinem Grab trauern würde, wieviele Regimenter zur Beerdigung anrücken würden, was die Leut sagen würden...

Morgens will er noch ein letztes Frühstück in seinem Stammcafe einnehmen, bevor er seine Pflicht erfüllt. Und hier erfährt er, dass den Bäcker in der vergangenen Nacht der Schlag getroffen hat.
Er muss sich also gar nicht umbringen! Und schon eilen die Gedanken wieder zum Alltag, zur Spielerei, zum nächsten Duell, dass es zu überstehen gilt...

Besonders sympathisch ist er einem nicht, dieser Leutnant Gustl; aber gerade wenn man so einen inneren Monolog vorgelesen bekommt, wird man unweigerlich hineingezogen in die manchmal sprunghaften Gedanken.

Er träumt vom Krieg, von der Ehre, statt immer nur zu üben; er spielt, wettert gegen die Juden, vermag keine tiefere Beziehung zu einer Frau einzugehen, und in alldem wird ganz beiläufig die Stimmung in der Stadt, im Land vor dem 1. Weltkrieg wiedergegeben.

Klasse gelesen, aber vor allem: toll erzählt! Langsam fängt Schnitzler mich wieder ein...

Arthur Schnitzler

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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