Antonio Lobo Antunes - Der Tod des Carlos Gardel

Originaltitel: A morte de Carlos Gardel
Roman. S. Fischer Verlag 2001
445 Seiten, ISBN: 3596141931

Spätestens wenn man einen Antunes gelesen hat weiß man ja, worauf man sich einlässt: eine nicht ganz so einfache Lektüre, weil man die Information, wer gerade spricht, aus wessen Perspektive erzählt wird, aus dem Thema heraus, oder aus einem Leitmotiv in der Sprache erkennen muss.

Im "Tod des Carlos Gardel" findet der Leser sich am Krankenbett eines jungen Mannes wieder; sein Vater besucht den Sterbenskranken, und in wilden Assoziationen folgt man ihm als Leser in dessen eigene Kindheit, in die Beziehung zu Claudia, der Mutter des Jungen, in seine jetzige Ehe - und nach und nach setzen auch die anderen Stimmen im Chor ein.

Nach und nach setzt sich das Bild aus diesen vielen, einander teilweise auch widersprechenden Stimmen zusammen; eine einsame Kindheit, verlassen vom Vater, aufgewachsen beim Großvater, und auch in der Beziehung zur Ehefrau nicht wirklich glücklich. Es fehlt die tiefe, die innere Liebe, die Verbundenheit.

Dieses Fehlen sublimiert er durch seine Leidenschaft für den großen argentinischen Sänger Carlos Gardel (seine Musik während des Lesens zu hören sorgt beinahe automatisch dafür, dass man in die richtige melancholische Grundstimmung gelangt) - nicht nur, dass er seine Platten Nacht für Nacht hört, oft in einer Lautstärke, die das gerade eingeschlafene Baby erneut zum Schreien bringt; er sammelt alle Zeitungsschnipsel, die er über ihn finden kann, und am Ende - am Ende glaubt er wirklich, dass der alte Mann, der sich seit Ewigkeiten mit seiner Imitation über Wasser hält, der echte Gardel ist.

Es ist ein unglaublich trauriges Buch; jede Beziehung ist von Hoffnungslosigkeit geprägt, von gegenseitigen Verletzungen, die sich ganz langsam, schichtweise offenbaren.

Es ist gleichzeitig auch ein unglaublich pralles Buch; quer durch die Schichten hat Antunes hier einer Gruppe Verlorener eine Stimme gegeben, und jeder von ihnen wird von ganz eigenen Dämonen verfolgt.

Ich hatte das Glück, mir ein ganzes Wochenende zur Lektüre des Buches Zeit nehmen zu können. So hatte ich die Stimmen der einzelnen Protagonisten bald als recht unverwechselbar im Ohr; ein Leitmotiv, ein Reizwort konnte man bald zuordnen und vernahm so manchmal das Lamento zweier Personen wie ein musikalisches Duett.

Auch wenn ich vom Ende dann im Verhältnis zum sonstigen Text ein wenig enttäuscht war, kann ich dieses von der Thematik her für Antunes wohl ungewöhnlich wenig politische Buch dennoch von ganzem Herzen weiterempfehlen - allerdings auch gleich mit der Warnung versehen, es in einer ruhigen, konzentrierten Phase zu lesen, zum Eintauchen in den Text vielleicht erst ein paar Seiten laut zu lesen, auf den Rhythmus der Sprache zu horchen und sich dann den sonst vielleicht etwas sperrigen Wirbeln zu überlassen.

Antonio Lobo Antunes

Antònio Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren, studierte Meidzin, leistete seinen Wehrdienst im Angolakrieg ab und arbeitete dann wie sein Vater als Arzt, bevor er sich nach der Veröffentlichung seines ersten Romans fast ganz dem Schreiben widmete.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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