Denis Diderot - Jacques der Fatalist und sein Herr

Originaltitel: Jacques le Fataliste et son Maitre
Roman. Reclam Verlag 1972
360 Seiten, ISBN: 315009335X

Eins gleich vorweg: mir hat an diesem Reklamheftchen eigentlich am allerbesten die Beschreibung von Diderots Leben im Anhang gefallen; eine wesentliche Persönlichkeit seiner Zeit, befreundet mit Katharina der Großen, ein leidenschaftlicher Leser, ein unglaublich wissbegieriger Mensch.

Um was geht es nun in einem seiner bekanntesten Romane, den sogar Goethe schon gelesen und für gut befunden hat? Jacques und sein Herr reisen gemeinsam; und weil ihnen so langweilig ist, fängt Jacques an, die Geschichte seiner einen großen Liebe zu erzählen. Um so eine Geschichte ordentlich zu erzählen muss man natürlich weit ausholen; und das macht er dann entsprechend auch, immer wieder durch Zwischenfragen des Herrn noch weiter vom Weg abgebracht - bis die erste richtige Unterbrechung in Form eines Abenteuers kommt.

Und so geht es weiter - mal verliert der Herr sein Pferd, dann sitzen sie tagelang in einer Wirtschaft fest, weil das Wetter zu schlecht zum Weiterreisen ist (die Geschichte, die die Wirtin zu erzählen hat, war übrigens für mich der Höhepunkt der Lektüre), dann wieder kaufen sie ein Pferd, das beim Anblick jeden Galgens nicht etwa scheut und davonläuft, sondern im Gegenteil wild darauf zustürmt und sich dann direkt darunter plaziert.

Unter vielerlei Geplänkel also wird die Geschichte dann schlussendlich doch noch zu Ende erzählt, ja, bei dieser Gelegenheit sogar fortgesetzt. Natürlich ist das auch ein Anlass für den Erzähler, sich fortwährend einzumischen, uns nur Teile der Konversation hören zu lassen, zu bestimmen, wem seine Figuren jetzt noch begegnen sollten, sie weiter abschweifen zu lassen - und ich wurde beim Lesen den Eindruck nicht los, dass das alles, gerade diese Erzählkunst, zu seiner Zeit gewiss revolutionär war, dass es im Verhältnis zur damals aktuellen Literatur unerhört, spektakulär gewesen sein mag - aber mich hat schon die 10. Wiederholung dieser Erzählereinmischung gestört, und da war ich noch ganz am Anfang...

Einzelne Szenen hingegen haben mir durchaus gefallen; den Fatalismus, auf den der Titel anspielt, fand ich hingegen nicht so ausgeprägt, wie ich es vermutet hätte. Auch hier war für mich die Überlegung, dass wohl die meisten dieser Themen für die damalige Zeit neu waren, dass es damals nicht selbstverständlich war, sich darüber Gedanken zu machen, ob es nun Schicksal gibt, oder ob man selbst für sein Handeln verantwortlich ist.

Für mich persönlich zumindest nur noch aus historischem Interesse heraus lesenswert; die Erzählung an sich hat mich bis auf die Lichtblicke (wie die wundervoll bösartige Erzählung der Wirtin, die von der Rache einer betrogenen Frau zu berichten weiß) nicht überzeugt.

Denis Diderot

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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