Lion Feuchtwanger - Die Jüdin von Toledo

Originaltitel: Die Jüdin von Toledo
Roman. Aufbau Verlag 2004
511 Seiten, ISBN: 3746656389

Spanien ist nach einem unglückseligen Krieg mit den Mauren wirtschaftlich am Boden, dem König, Don Alfonso, war ein Friedensvertrag aufgezwungen worden, der ihn viele Jahre zum Stillhalten verpflichtete - und er brauchte dringend Geld.

So war der reiche, in Kindestagen aus Überlebensgründen zum muslimischen Glauben konvertierte Jude Jehuda Ibn Esra mit seiner Familie ins Land gekommen, um Don Alfonso mit seinen Reichtümern und seinen Kenntnissen zu dienen - und damit auch die Möglichkeit zu haben, wieder zum Glauben seiner Väter zurückkehren zu können.

Es ist kein leichtes Handeln mit Don Alfonso - er ist ein Ritter durch und durch, alle anderen nehmen an den Kreuzzügen teil, wollen die Heilige Stadt aus den Fängen der Ungläubigen befreien, und er? Er, der er Tür an Tür mit ihnen wohnt, muss stillehalten.

Doch der Frieden bekommt dem Land, Jehuda schafft wirtschaftlichen Aufschwung, berät den König auch in anderen Angelegenheiten; doch der König entdeckt bald, dass es da auch noch eine Tochter gibt, Rachel, schön, klug, die dem König Widerworte zu geben versteht, in ihm die Sehnsucht weckt, auch Schönes zu schaffen; ein altes Anwesen, etwas außerhalb der Stadt, lässt er umbauen und in aller Pracht ausstatten. Und hierhin will er sie haben, die Rachel - was bleibt Jehuda übrig? Flucht wäre die einzige Alternative, wenn er das Leben retten will, die Alternative ist der Verkauf des Seelenheils.

Und was würde aus der jüdischen Gemeinde, wenn er jetzt gehen würde? Hat er doch gerade 6000 in Deutschland vertriebene Juden hierher aufgenommen, ein großes Privileg, das trotzdem jederzeit widerrufen werden kann, und was wird dann aus ihnen?

Sehr langsam und gemächlich, in einem Tonfall, der zum Inhalt passt, mit altertümlichen Redewendungen, lässt Feuchtwanger hier ein Stück Geschichte wieder aufleben. Die ersten beiden Drittel fand ich zwar nett zu lesen, richtig gepackt hatten sie mich aber nicht; erst im letzten Drittel, als die Protagonisten endlich wirklich in Gewissenskonflikte gestürzt werden, als sie über die Schablonen des "Juden", "Königs" etc. hinauswachsen müssen, da hatte es dann auch mich gepackt.

Und da meine grundsätzliche Meinung zu historischen Romanen ja bekannt ist, hier noch eine Anmerkung zum historischen Aspekt in diesem Buch: Feuchtwanger nämlich schafft es, nicht unsere heutige Sprache, unser Psychologieverständnis auf seine Protagonisten umzulegen, sondern sich wirklich in die Zeit und deren Rollenverständnisse einzuleben und diese dem Leser fühlbar zu machen. Solche historischen Romane lese ich mit Genuss!

Lion Feuchtwanger

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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