Jens Sparschuh - Eins zu eins

Originaltitel: Eins zu eins
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2004
413 Seiten, ISBN: 3442732034

Eines Tages ist Wenzel weg. Einfach verschwunden. Dabei war er eigentlich fast wie ein Möbelstück des nach der Wende nach Berlin gezogenen Kartenverlags "anders wandern" gewesen, das man schon vom Vormieter, in diesem Falle von einem DDR-Verlag, mit übernommen hatte. Er war der unumschränkte Herrscher des Archivs; und nun, als er weg war, sollte er dringend gesucht werden, das war zumindest die Ansicht von Cora, der Chefin.

Also macht sich Olaf Gruber, der Ich-Erzähler dieses Romans, auf ins Umland Berlins; alles, was er bei seinen Recherchen auf Wenzels Schreibtisch gefunden hatte, mit dabei, als wenigstens minimaler Ansatzpunkt, wohin dieser wohl gefahren sein könnte.

Nach einigen Tagen und unzähligen Kirchenbesuchen schließlich fängt Olaf langsam an, die Zusammenhänge herzustellen; Wenzel hatte sich nicht unbedingt für die Kirchen an sich interessiert, sondern für die Möglichkeit, dass sich darunter ein altes wendisches Heiligtum befinden könnte!

Hingebungsvoll studiert nun auch Olaf Wenzels Aufzeichnungen; einmal glaubt er ihn auch schon fast gefunden zu haben, ruft voller Euphorie Cora an, die auch sofort angeeilt kommt; doch alles, was sie dann tatsächlich finden, ist ein dubioses Seminarzentrum, in dem unter anderem Ost-West-Berührungsängste abgebaut werden sollen.

Bald schon aber wird die Suche nach Wenzel für Olaf zu einer Existenzfrage...

Insgesamt habe ich aus diesem Roman für mich durchaus einige interessante Informationen mitgenommen; sei es zum Thema Allen in Brandenburg, vor allem aber zur Besiedelung der Gegend, in der ich lebe. Über die Geschichte der Wenden wusste ich bislang so gut wie nichts, außer, dass die Sorben davon übrig sind; nun bin ich doch um einiges besser informiert.

Aber ist das wirklich etwas, was ich nach der Lektüre eines 400-Seiten-Romans sagen können will? Dass ich mich besser informiert fühle? In einem Sachbuch hätte ich mehr und sicher auch noch besser darüber gelesen (allerdings hätte ich es wohl eher nicht zur Hand genommen...). Als Informationsvermittler also ist "Eins zu Eins" für mich noch leidlich gelungen; als Roman aber auf ganzer Linie gescheitert.

Schon die Konzeption hat deutliche Mängel; auch wenn die Suche als literarisches Motiv natürlich immer wieder gerne gesehen wird, hätte ich sie in einem realistischen Roman doch gerne auch etwas besser motiviert gesehen.

Zweites Ärgernis: Die Sprache. Kein Stil, keine Linie erkennbar, immer wieder stark verkürzte, unvollständige Sätze, keine Satzmelodie, kein Klang. Für mich war das Buch dadurch ungemein mühsam zu lesen.

Einziger Lichtblick waren für mich immer wieder die Passagen aus Fontanes "Wanderungen", mit denen der Autor sich freilich in meinen Augen keinen Gefallen getan hat, weil dadurch umso deutlicher seine eigenen erzählerischen Mängel ans Licht traten.

Völlig unmotiviert werden dann die Begegnungen des Ich-Erzählers mit kuriosen Einwohnern oder anderen Kauzen in die Länge gedehnt; weder zuträglich zum Handlungsverlauf, noch wirklich in den Rahmen eingebettet (und natürlich auch nicht gut erzählt, aber das brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen).

Ein Klischee nach dem anderen wird bedient wenn es um Ost und West geht; zwar versucht der Autor auch an manchen Stellen, diese Klischees ironisch zu brechen, doch ist er ihnen zu sehr verhaftet, um das glaubhaft zu schaffen.

Jens Sparschuh

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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