James Meek - Die einsamen Schrecken der Liebe

Originaltitel: The Peoples Act of Love
Roman. Droemer 2005
429 Seiten, ISBN: 3426197103

Es ist eine recht seltsame Konstellation, die in dem kleinen sibirischen Dorf Jasyk herrscht; ein versprengtes Regiment Tschechen, das den Abzug der eigenen Truppen aufgrund der Entfernung nicht mitgemacht hatte, hat die militärische Obergewalt über diese Gemeinschaft religiöser Fanatiker; was genau deren Geheimnis ist, ist den Tschechen, ist vor allem Leutnant Mutz nicht klar. Aber es gibt hier nur ein einziges Kind, den Sohn der schönen Witwe Anna Petrowna.

Aber was hat diese Frau, die so offensichtlich nicht zum Rest der Dorfgemeinschaft passt, hierherverschlagen?

Als Leser erfährt man das schon sehr rasch: es ist die Liebe zu ihrem Ehemann - der ihr allerdings kein Ehemann mehr sein will. Während des Krieges hatte dieser eine religiöse Erleuchtung erlebt und sich daraufhin selbst entmannt; die gesamte Dorfgemeinschaft besteht aus Kastraten.

In dieses ohnehin sensible Gleichgewicht kommt eines Tages ein Fremder. Ein junger Mann, der aus einem dieser brutalen sibirischen Gefangenenlager geflohen zu sein behauptet - und eine fantastische Geschichte zu erzählen hat....


Ja, fantastisch ist diese Geschichte des Samarin auf alle Fälle, aber sie ist auch unheimlich brutal; als Leser fühlte ich mich ab der Mitte des Romans in der unangenehmen Lage, eine Ahnung über den weiteren Verlauf der Handlung zu haben, die ich auf keinen Fall bestätigt wissen wollte.

Es hat denn jetzt auch eine ganze Weile nach Beendigung der Lektüre gebraucht, um mir auch nur ansatzweise darüber klar zu werden, wie ich zu diesem Buch denn nun stehe; die Lebendigkeit, in der sich mir große Teile der Handlung eingebrannt haben, spricht dabei aber eine deutliche Sprache.

Es ist ein wunderbar erzählter Roman, etwas altmodisch anmutend im Erzählstil, deutlich orientiert an den Klassikern der Erzähltradition des 19. Jahrhunderts.

Was mich insgesamt aber ein wenig gestört hat - außer der generellen Entwicklung, die der Fall nimmt: ich hatte in der zweiten Hälfte zunehmend das Gefühl, dem Autor entglitten seine so kraftvoll begonnenen Handlungsstränge und ließen sich nicht zu einem echten Ganzen verweben.

Welche Geschichte wollte er denn nun erzählen, die einer Kastraten-Sekte? Die des vergessenen tschechischen Regiments? Eine Geschichte des Kannibalismus? Dass er gründlich recherchiert hat glaube ich ihm sofort; aber da er gleich drei so große und starke Themen in Angriff nimmt, schafft er es für mich nicht, auch nur einem davon wirklich Genüge zu tun. Vor allem war es aber die mangelnde inhaltliche Verbindung (nicht auf der Plot-Ebene), die ich als irritierend empfand.

Dennoch - ein wunderbarer Erzähler, ein fabelhafter Erstlingsroman, ein Buch, das mich auf nicht immer angenehme Weise unterhalten hat.

James Meek

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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