Zadie Smith - Von der Schönheit

Originaltitel: On Beauty
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2005
443 Seiten, ISBN: 0241142946

Wenn Howard einen akademischen Feind hat, dann ist das Monty Kipps. Ihre Ansichten sind konträr, in ihren Arbeiten greifen sie sich immer wieder an - und dann hat sich sein Sohn für sein Aulandsstudium ausgerechnet Monty als Mentor ausgesucht, ja, sich sogar in dessen Haus einquartiert. Und, Gipfel des Ganzen: sich in Montys Tochter Victoria verliebt, wollte sie heiraten.

Als Howard gleich nach dieser Auskunft eine Dienstreise nach London nutzt, um hier zu intervenieren, ahnt er nicht, dass er zu spät kommt - und verschärft die persönliche Krise natürlich noch.

Und schon kurz darauf kommen sie auch noch in die USA - die Familie Kipps, denn Monty hat eine Gastprofessur an Howards Universität.

Währenddessen hat Howard auch noch an anderer Front zu kämpfen. Seit 30 Jahren war er nun verheiratet, und eine einzige Affäre hatte er sich erlaubt - und eigentlich war die Sache schon halb verziehen, als seine Frau Kiki ausgerechnet auf der Party, die sie zu ihrem 30. Hochzeitstag veranstalteten, herausfand, dass es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher, sondern um eine waschechte Affäre, noch dazu mit einer Freundin der Familie, handelte.

Familienkrise also. Jeder strauchelt so vor sich hin; Kiki kämpft mit der Untreue ihres Mannes, mit dem Gefühl, als Schwarze nur noch von Weißen umgeben zu sein, wurzellos zu werden, ihre Schönheit zu verlieren, in ihrer Üppigkeit zu verschwinden. Zora, ihre Tochter, kämpft auf Seiten des Vaters, will in seine intellektuellen Fußstapfen treten, fühlt sich nicht schön genug, vor allem nicht schön genug, um Carl zu beeindrucken, den jungen Schwarzen, den die Familie auf einem Konzert kennen gelernt hatte, und der ein so umwerfender Poet war, dass er sogar - ohne die ansonsten nötige Qualifikation - an den Poetikseminaren von Claire teilnehmen durfte; ein Seminar, für das Zora nicht für gut genug erachtet worden war, sie sich ihre Teilnahme aber unter Hinweis auf die Affäre, die ihr Vater mit Claire gehabt hatte und wodurch sie sich nun diskriminiert fühlte, durchgesetzt hatte.

Der jüngste Sohn der Familie hingegen sucht sein Glück in der schwarzen Gemeinde. Ein Straßenkind sei auch er, behauptet er, kämpft gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, von der er zuvor nicht einmal wusste...

Es sind viele Baustellen, die Zadie Smith hier gleichzeitig zu bearbeiten versucht, und das ist in meinen Augen auch das größte Manko des Buches. Sie wechselt die Erzählperspektive sehr häufig, versucht, allen Figuren gerecht zu werden und erreicht dadurch zumindest für mich doch nur, dass alles nur angeschnitten aber nicht wirklich vertieft wird.

Aber es gibt ein paar Aspekte, die dieses Buch für mich dennoch sehr lesenswert gemacht haben. Zum Einen hatte ich den Eindruck, die Autorin hat sich ein Thema, ein Anliegen gesucht, und auch wenn sie ihm nicht immer gerecht wird, verleiht das dem Buch doch Substanz. Was ist Schönheit, warum empfinden wir etwas als schön, wer hat den Maßstab gelegt, inwieweit ist es intellektuell faßbar und argumentierbar, wieviel geht verloren, wenn man vorwiegend damit beschäftigt ist, zu relativieren, statt sich hinzugeben und zu genießen - für mich war das das Kernthema des Buches, dem sie sich von verschiedenen Seiten genähert hat.

Inwieweit ihr das gelungen ist, sei dahingestellt. Aber was sie wirklich großartig beherrscht: ihre Beobachtungen von Kleinstreaktionen, die viel über das eigene Selbstverständnis verraten. Wenn sie zum Beispiel beschreibt, wie eine junge Frau beim Sex den Teil ihres Körpers, der gerade liebkost wird, erstmal zurückzieht und erst, nachdem die Luft angehalten, eine gewisse Obefflächenspannung sichergestellt ist, sich wieder darbietet, dann entsteht beim Lesen nochmal eine ganz andere Geschichte im Kopf.

Solche winzigen Szenen ziehen sich durch das ganze Buch, und ich empfand immer mehr Hochachtung dafür, wie genau beobachtet das war, wie tief menschlich nachempfunden, und wie perfekt in den Erzählfluss eingebettet.

Dieses Buch hat in mir die Überzeugung geweckt, dass aus Zadie Smith bald eine Autorin werden wird, die wirklich Beachtliches leisten kann, auch wenn in mancher Hinsicht noch Verbesserungen möglich sind.

Nun aber zum Hörbuch. Wie ich bereits schilderte, habe ich versucht, gleichzeitig zu hören und zu lesen, dabei sind mir auch die Kürzungen sehr genau aufgefallen. Sie nehmen dem Buch ein wenig von der sozialpolitischen Aussage, die Schwierigkeiten, die sich für die Kinder aus dieser gemischtrassigen Beziehung ergeben, erscheinen im Hörbuch sehr plötzlich und ihrer Vorbereitung beraubt.

Was mich am Hörbuch aber wirklich gestört hat, war die Sprecherin. Erstens wird sehr viel aus der männlichen Perspektive geschildert, und dass hier eine Frau spricht, nur weil das Buch auch von einer Frau geschrieben wurde, fand ich nicht nachvollziehbar. Dann passte die Stimme für mich nicht; zu schrill, zu wenig ausgelotet.
Es gibt sehr viele Dialoge in diesem Roman; die Autorin hat hier auch die Sprechweisen und Akzente eingebaut, die von Einwanderern gesprochen werden. Beim Lesen empfand ich das nicht als störend, im Gegenteil; aber beim Hören klang es für mich falsch und aufgesetzt. Gerade da ich kein Muttersprachler bin ist die Aussage, dass ich der Sprecherin ihre Imitation der Akzente nicht abnehme natürlich sehr gewagt; aber dennoch kann ich nur sagen, dass es aus meiner Perspektive unecht klang.

Hätte ich nur das Hörbuch gehört, wäre in diesem Fall für mich sehr viel verloren gegangen - einfach, weil Inhalt und Stimme nicht zueinander passen.

Zadie Smith

Zadie Smith wurde 1975 in London geboren. Während der Vorbereitung für ihre College- Abschlussprüfungen begann sie, ihren ersten Roman "Zähen zeigen" zu schreiben. Zadie Smith lebt in Willesden, London

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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