Wilhelm Genazino - Die Liebesblödigkeit. 5 CDs, gelesen vom Autor

Originaltitel: Die Liebesblödigkeit. 5 CDs, gelesen vom Autor
Hörbuch - Roman. Hoffmann & Campe 2004
5 CDs, ISBN: 345530396X

Der Ich-Erzähler dieser Geschichte, der sich seinen Lebensinhalt mit Vorträgen zur Apokalypse verdient, schafft sich seine höchstpersönliche Weltuntergangsstimmung, als er glaubt, sich aufgrund seines fortschreitenden Alters langsam für eine der beiden Frauen entscheiden zu müssen, mit denen er schon seit Jahren eine Beziehung hat.

Er beginnt immer wieder damit, sich ihre jeweiligen Vorzüge und Nachteile vor Augen zu rufen; Judith zum Beispiel ist schöner, mit ihr führt er mehr Gespräche, während Sandra warmherzig, mütterlich und fürsorglich ist, ihn im späteren Verlauf der Erzählung sogar heiraten will, um ihm eine Rente zu sichern.

Genazino schreibt von Alltäglichkeiten, die Beobachtung einer Gehbewegung eines älteren Passanten kann ihn zu langen Erinnerungssentenzen seiner eigenen Kindheit führen, und er findet passende Worte für die Absonderlichkeiten dieses Alltags.

Gerade in kleineren Häppchen als Hörbuch, vom Autor selbst excellent vorgelesen, erfrischen zum Beispiel Überlegungen wie die Folgende, dass es jedem Arbeitnehmer freigestellt sein sollte, pro Monat ein oder zwei Ekeltage frei zu nehmen, Tage, an denen der Ekel vor sich selbst, vor der Arbeit, den Kollegen, so überwältigend ist, dass man ohne Ankündigung einen Tag benötigt, um wieder mit der Welt ins Reine zu kommen.

Allerdings übertreibt Genazino es in meinen Augen gerade im zweiten Teil des Buchs dann mit der Beschreibung mehrerer Menschen, die sich solche Themen als Lebensinhalt einverleibt haben. Ein Posthasser, ein Beschwerdereferent, und und und, das alles zog in meinen Augen die durchaus anregenden Gedanken manchmal ins Lächerliche.

Außerdem gabs noch ein paar andere Kleinigkeiten, die mich nicht so begeisterten; die allzu genaue Beschreibung der Konsistenz des Urins des Protagonisten ist nur eine davon, der der Autor sich mit erstaunlicher Hingabe widmete.

Alles in allem eine kurzweilige Lektüre, die man in meinen Augen aber noch hätte verbessern können. Im konkreten Fall habe ich den Roman ja gehört und nicht selbst gelesen; da mir dadurch das Tempo des Sprechers vorgegeben war und ich keine Gelegenheit hatte, Passagen quer zu lesen, hatte ich im Endeffekt wahrscheinlich mehr Spaß daran als wenn ich mich von enervierenden Passagen hätte zum schnellesen animieren lassen.

Ich kann im konkreten Fall aber auch einiges von Harrys Urteil für mich verstehen; ich hatte dazu jetzt auch nochmal die Kritik in den Salzburger Nachrichten ausgegraben, Link folgt unten.

Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, lebt heute als freier Schriftsteller in Heidelberg. 1998 erhielt er den großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 2004 wurde er mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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