Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt

Originaltitel: Die Vermessung der Welt
Roman. Rowohlt Verlag 2005
304 Seiten, ISBN: 3498035282

In einer Zeit, da die Erde neu vermessen wurde, Menschen mit unglaublichem Einsatz aufbrachen, Karten zu erstellen, zu forschen, einzuteilen und zu ergründen, waren andere ebenfalls damit beschäftigt, die Welt aus ihrer kleinen Studierstube heraus erklärbar zu machen und in Formeln zu packen.

Exemplarisch dafür hat der junge Autor Daniel Kehlmann das Schicksal zweier Deutscher in einer sehr fiktionalen Romanbiographie miteinander verwoben: Alexander von Humboldts und Carl Friedrich Gaußs. Es finden sich kaum Jahreszahlen in diesem Roman, als Verankerung dienen einige wenige historische Begebenheiten; davon ausgehend erzählt er in einem wunderbar lakonischen Tonfall, was diese beiden so unterschiedlichen Männer antreibt, und was sie dabei gleichzeitig eint.

Alternierend begleiten wir den einen auf seinen Stationen erst noch in Deutschland, wo an seinem Bruder und ihm eine Art Versuchsprogramm zur geistigen Erziehung laufen soll und dann weiter durchs Studium, bis er endlich in die neue Welt aufbrechen kann, während der andere als Kind auf der Dorfschule bereits sein Lehrer mathematisch überrundet, aber am liebsten zu Hause in unmittelbarer Nähe der über alles geliebten Mutter bleiben will.

Zum Vorschein kommen in dieser Erzählung weniger die großartigen Abenteuer des Entdeckers als vielmehr seine kauzigen sturen Seiten, wie hier:

S. 111: [..], sagte Humboldt. Ebensowenig erforsche ein Vogel die Luft oder ein Fisch das Wasser.
Oder ein Deutscher den Humor, sagte Bonpland.
Humboldt sah ihn mit gerunzelten Brauen an.
Nur ein Witz, sagte Bonpland.
Aber ein ungerechter. Ein Preuße könne sehr wohl lachen. In Preußen werde viel gelacht. Man solle nur an die Romane von Wieland denken oder die vortrefflichen Komödien von Gryphius. Auch Herder wisse einen guten Scherz wohl zu setzen.
Daran zweifle er nicht, sagte Bonpland müde.


Was beide eint, ist ihre Eitelkeit und unbedingte Hingabe an ihre Berufung; auch der so häußliche Gauß verlässt sogar in der Hochzeitsnacht das eheliche Lager, um eine Formel zu notieren, die ihm just in diesem Moment einfiel.

Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen, und, um mal wieder den Kritikermeister MRR sinngemäß zu zitieren: ich habe mich nicht unter meinem Niveau vergnügt. Mich haben sowohl der Aufbau als auch die lakonische Erzählweise vollends überzeugt. Im Prinzip handelt es sich bei diesem Roman ja auch um einen aus der Gattung der von mir nicht sonderlich geschätzten historischen Romane. Aber im Gegensatz zu diesen versucht der Autor gar nicht erst, eine fremde Zeit zu erklären und zu skizzieren, er schreibt "aus der Zeit heraus".

Natürlich gibt es auch jede Menge Anspielungen, historische Bezüge, und als Leser ist es ein Vergnügen, diese im Text aufzuspüren. Nach 300 Seiten habe ich das Buch mit einem satten, zufriedenen Gefühl weggelegt, und war vor allem auch begeistert, endlich wieder einen richtig guten deutschsprachigen Erzähler gefunden zu haben.

"Die Vermessung der Welt" ist auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2005 - von den mageren drei Titeln, die ich daraus bislang kenne, wünsche ich vor allem diesem Roman, dass er es mindestens bis auf die Shortlist schafft.

Eine Empfehlung!

Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann, geboren 1975 in München, lebt in Wien und studierte dort Philosophie und Literaturwissenschaft.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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