Jerome K. Jerome - Drei Männer auf Bummelfahrt

Originaltitel: Three Men on the Bummel
Roman. Manesse 2005
384 Seiten, ISBN: 3717520881

Die drei Freunde J., Harry und George sind der festen Überzeugung, dass sie einen Tapetenwechsel brauchen. Urlaub. Aber ohne Familie. Nur - wie soll man das bewerkstelligen?

Dass das dann doch viel einfacher ist als gedacht, ja, dass die besten Ehefrauen von allen im Gegenteil sogar glücklich darüber sind, ihre Männer mal nicht um sich zu haben, wird dann doch mit gekränkter Eitelkeit aufgenommen.

Aber dann geht’s los; mit dem Schiff nach Hamburg, dann Hannover, Berlin, Dresden, Prag, Nürnberg, Stuttgart bis in den Schwarzwald, wo dann endlich die eigentlich geplante Fahrradtour stattfinden soll.

Bis zur Abfahrt ist allerdings schon ein Drittel der Seiten gefüllt, mit Themen wie Fahrraddurchsicht (der Autor ist ein entschiedener Gegner und weiß dies mit überzeugenden Erlebnissen zu belegen), Fahrradlampen, Bremsen, Satteln… langweilig? Keine Spur! Jede einzelne geschilderte Episode hat mich von Herzen schmunzeln lassen, und auch wenn das Buch bereits 1895 geschrieben wurde, hat sich in mancher Hinsicht bis heute nichts geändert.

Besonders erheiternd aber ist natürlich der britische Blick auf deutsche Eigenheiten. Das fängt mit den Sprachkenntnissen an, geht über das Erziehungssystem mit Vergleich zwischen England und Deutschland (deutlich vor der Pisa-Studie, Deutschland wird hier als mustergültig gelobt) über die Beschreibung der Ordnungsliebe hin zu weniger amüsanten deutschen Eigenheiten, die zum Schluss George auch zur Feststellung veranlassen, dass jeder dieses Land regieren könne, sogar er, sofern er nur einen Zettel mit Regeln im Land verteile.

Das alles ist in einem schönen ironischen Tonfall gehalten, nimmt sich selbst nicht ernst, verallgemeinert hier und übertreibt dort, und erheitert insgesamt sehr.

Die Beschreibung der deutschen Städte will ich hier nicht vorenthalten:

S. 156:
Am selben Abend verließen wir Hannover und trafen rechtzeitig zum Abendessen und zu einem Abendspaziergang in Berlin ein, das uns allerdings enttäuschte. Die Stadtmitte ist überfüllt, die Außenbezirke sind öd und leer. Unter den Linden, die einzige Prachtstraße - ein Versuch, Oxford Street mit den Chanps Elysées zu verheiraten - beeindruckt wenig, da sie für ihre Größe viel zu breit geraten ist.[..]In den Berliner Cafés und Restaurants herrscht von Mitterncht bis drei Uhr früh Hochbetrieb, dabei sind die meisten Gäste um sieben schon wieder auf den Beinen. Der Berliner hat entweder eine Antwort auf die aktuelle Lebensfrage gefunden, wie man ohne Schlaf auskommt, oder er muss mit Carlyle seine Hoffnung auf die Ewigkeit setzen.


Dann Stuttgart:
S. 210f:
Stuttgart ist eine sehr angenehme Stadt, hell und sauber, ein kleines Dresden. Zusätzlich besitzt Stuttgart den Vorzug, dass es dort nicht allzuviel gibt, was man unbedingt sehen muss: eine mittelgroße Gemäldegalerie, ein kleines Antikenmuseum, ein halbes Schloss - und schon hat man seine Pflicht getan und kann sich den unterhaltsamen Seiten des Lebens zuwenden.


"Drei Männer auf Bummelfahrt" ist eigentlich die Fortsetzung von "Drei Männer in einem Boot", das ich bislang allerdings nicht gelesen habe, und mich auch an die Verfilmung mit Heinz Rühmann nur noch vage erinnere. Aber da ich mich hiermit wirklich wunderbar amüsiert habe, muss ich den Vorläufer garantiert auch noch lesen!

Und für alle, die gerne mal wieder eine liebenswert altmodische Geschichte lesen möchten, ist dieser Roman eine unbedingte Empfehlung.

Jerome K. Jerome

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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