Henryk Sienkiewicz - Wirren

Originaltitel: --
Roman. Manesse 2005
572 Seiten, ISBN: 3717520725

Polen, ca. 1905 - in einem kleinen Landgut, in J., treffen nach und nach die Hauptakteure des Romans ein, um an der Beerdigung des zwar nicht sonderlich beliebten, aber sehr wohlhabenden Gutsbesitzers von R. teilzunehmen.

Wladyslaw Krzycki, der attraktive junge Schlachta auf J., hat als Neffe des Verstorbenen berechtigte Hoffnung auf eine ansehnliche Geldsumme, die es ihm auch erlauben würde, um die Hand der Schönen anzuhalten, für die er so zu wenig zu bieten hat; aber auch Frau Otocka, eine junge schöne Witwe, oder D., ein Lebemann, hätten gute Aussichten.

Aber sowohl sie als auch die Bauern, denen von Agitoren der Floh ins Ohr gesetzt worden war, sie würden erben, werden enttäuscht - stattdessen soll mit dem Geld eine Schule erbaut werden.

Während die Unruhen im Landkreis stärker werden und sowohl Krzycki als auch D. versuchen, lindernd einzugreifen (während gleichzeitig der Hauslehrer der Krzyckis, ein glühender Sozialist, in die entgegengesetzte Richtung arbeitet)ergreifen die Wirren auch die Herzen der anwesenden Gesellschaft.

Krzyckis Mutter hatte Frau Otocka ja unter anderem eingeladen, weil sie auf eine Ehe zwischen ihrem Sohn und der vermögenden jungen Witwe gehofft hatte; doch dessen Herz fliegt völlig unerwartet deren englischer Freundin, Fräulein Anney, zu. Dass auch er hoffen darf, ihr nicht gleichgültig zu sein, weiß er spätestens nach ihrem tollkühnen Ritt in die Stadt, um Hilfe für ihn zu holen, als er von Aufständischen im Wald angeschossen wurde.

Die politischen Unruhen erlebt die Gesellschaft noch stärker, als sie nach der zumindest halbwegs vollzogenen Genesung des Verwundeten nach Warschau umziehen; Polizeirazzien, Menschen, die auf die Straße gehen, Schüsse, Ausgangssperren, Verfolgungen - aber all das lässt Krzycki weitgehend kalt, den ihn beschäftigt nur, wie er Fräulein Anney sein Geständnis, seine Frage stellen kann. Doch diese hat noch ein Geheimnis, das sein Standesempfinden auf eine harte Probe stellt...

Vielen Lesern wird der Literatur-Nobelpreisträger wahrscheinlich durch "Quo Vadis" bekannt sein; ich gebe zu, dass ich diesen Umstand erst dem Klappentext entnommen habe, Quo Vadis auch nur als Film kenne und somit gänzlich unvoreingenommen an die Lektüre dieses Romans ging.

Meine Eindrücke sind auch ein wenig zwiespältig; einerseits versteht der Autor es, seine Protagonisten sehr schön (und natürlich aus heutiger Sicht ein wenig altmodisch) miteinander parlieren zu lassen, die Herzensverwirrungen und damit einhergehenden Unsicherheitenzu schildern; die sozialen Umbrüche dieser Zeit allerdings werden doch sehr einseitig dargestellt.

Die Stimme des Sozialismus, der Revolution wird eigentlich nur durch den Hauslehrer personalisiert; und dieser ist sowohl in seiner äußeren Erscheinung als auch in seinem Verhalten so unangenehm, dass man dem Autor eine gewisse Parteinahme nicht absprechen kann.

Auch die Kommentare der Nebenfiguren, die im Übrigen wirklich gelungen sind, zur politischen Situation sind eher von einem gewissen Zynismus geprägt; das liest sich zwar, vor allem mit einem doch mittlerweile schon bedeutenden historischen Abstand meist wirklich sehr amüsant, ist aber als Gesellschaftskritik zu einseitig.

Dennoch: für mich, die ich über die Geschichte ja nicht viel wusste, wars mal wieder ein Anlass, ein bisschen dazuzulernen; außerdem las es sich nett für zwischendurch, wenn es mich auch nicht begeisterte.

Henryk Sienkiewicz

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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