Hanns-Josef Ortheil - Die geheimen Stunden der Nacht

Originaltitel: Die geheimen Stunden der Nacht
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2005
384 Seiten, ISBN: 3442736390

Georg ist seit vielen Jahren glücklich verheiratet, hat zwei Kinder, leitet einen renommierten Verlag in Köln - ein ausgefülltes, zufriedenes Leben also. Und doch. Und doch hätte er einfach gerne Gewissheit, wie es weitergehen soll; der große Verlagskonzern, den sein Vater aufgebaut hat, wird immer noch von diesem geleitet. Und wer ihn an der Spitze beerben soll ist immer noch unklar; er, der Älteste? Oder Ursula, die ihren kleinen Verlag in Frankfurt leitet? Christian, der mindestens ebenso starke Ambitionen auf die Leitung hat wie er selbst, und in Stuttgart den von ihm geleiteten Verlag zwar ein ganz eigenes Gepräge versehen hat, dessen wirtschaftliche Stabilität dadurch aber angeschlagen hat?

Das alles wird plötzlich akut, als der Vater einen schweren Herzinfarkt erleidet. Neben der persönlichen Betroffenheit, nicht zu wissen, ob der Vater überleben würde, kommt der schon lange schwelende Konflikt um die Nachfolge zum Ausbruch. Ursula ist die einzige, die über die Nachfolgeregelung mit dem Vater gesprochen hatte; und da sie selbst den Posten ablehnt, steht es nun ihr zu, zwischen den beiden Brüdern zu wählen.

In dieser Situation wachsen Georg Fähigkeiten zu, die er sich nicht zugetraut hätte; der Umgang mit schwierigen, aber für den Verlag wichtigen Autoren, die bislang nur mit dem Vater verhandeln wollten, die Entscheidungen über die zukünftige Ausrichtung des Verlags, natürlich auch die Loyalitätsfrage bei den eigenen Mitarbeitern; alles das kann ihn trotzdem nicht ganz davon ablenken, dass dieser Herzinfarkt auch eine ganz neue Seite an seinem Vater ans Licht gebracht hatte.

Keines der Kinder wusste bislang, dass dieser sich häufig im Domhotel eingemietet hatte; dass es eine neue Frau in seinem Leben gab, zu der allerdings niemand Näheres weiß...

Auch in Georgs bislang so solidem Liebesleben ergeben sich plötzlich erdrutschartige Veränderungen...

... und genau diese Liebesgeschichten sind es, die meine sonstige Freude an dem Roman wirklich deutlich geschmälert haben. Beide Liebesgeschichten wirken wie aufgepfropft, sind mit dem Rest der Geschichte nur unzulänglich verbunden, und sind auch in der inneren Psychologie äußerst fragwürdig; mehr dazu zu sagen wäre leider zukünftigen Lesern gegenüber nicht fair, aber im nächsten Beitrag wirds dazu einen Spoiler geben.

Ansonsten habe ich diese Geschichte aus dem Verlegermilieu mit großer Begeisterung gelesen; als Roman aus der Arbeitswelt (wenn auch wahrscheinlich glamouröser als der Alltag der meisten Verlagsangestellten tatsächlich aussieht, aber es handelt ja schließlich auch vom Chef und keinem "kleinen Lektor") ist es überzeugend, packend und sehr interessant.

Natürlich kommen beim Lesen Gedanken an reale Verlagsgeschichten der nicht allzufernen Vergangenheit auf; "Suhrkamp" blinkte einige Male vor meinem inneren Auge auf, ohne jedoch das Gefühl zu haben, nun "die Suhrkamp-Geschichte" zu lesen, eher als vage Ähnlichkeit.

Zum Schluss noch ein Kommentar zum Lektorat: In diesem Buch wird bei Dialogen das "DU" in der direkten Anrede groß geschrieben. Ich bin nun wahrlich kein Rechtschreibprofi; aber die direkte Anrede wurde auch nach alter Rechtschreibung meines Wissens nur in Briefen etc. groß geschrieben, nicht jedoch in Romanen. Mich hat das beim Lesen stellenweise sehr gestört, ich habe lange gebraucht, darüber hinwegzulesen. Bei einem Verlag wie Luchterhand überrascht mich so ein Fehler aber; vielleicht liege ich falsch? Kann mich jemand aufklären?

Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil, geboren 1951 in Köln, lebt heute in Stuttgart. 1979 erschien sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©17.09.2005 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing