Peter Stephan Jungk - Die Reise über den Hudson

Originaltitel: Die Reise über den Hudson
Roman. Klett Cotta 2005
226 Seiten, ISBN: 3608934693

Gustav ist gereizt. Sein Interkontinentalflug nach New York hatte aufgrund eines Triebwerkschadens deutlich länger gedauert als geplant, er war müde, unausgeschlafen, und hatte sich jetzt auch noch mit den Ansprüchen seiner Mutter auseinanderzusetzen, die ihn am Flughafen abgeholt hatte.

Nachdem sie endlich einen Mietwagen hatten (wenn auch einen, den die Mutter als unmöglich bezeichnete und umgehend verlangte, er solle zurückgehen und ihn umtauschen), verfuhr Gustav sich auf dem Weg in sein Ferienhaus, in dem seine Frau und die Kinder bereits warteten, auch noch. Das Ergebnis: mitten auf einer Brücke über den Hudson, an einem Ort, da jegliches Umkehren unmöglich ist, geraten sie in einen Stau.

Was Gustav und seine Mutter bei einem Blick von der Brücke in der Tiefe aber erblicken ist ungeheuerlich: sie sehen den Körper des vor knapp einem Jahr verstorbenen Vaters, wie er hier nackt, monströs vergrößert, in der Tiefe liegt, allen Blicken ausgeliefert.

Und so wird die Reise für Gustav immer mehr eine Reise auch in die Vergangenheit, ziehen Bilder aus seiner Kindheit, seiner Jugend vor dem inneren Auge vorbei, die vom erfolgreichen, übermächtigen Vater geprägt waren. Unterbrochen werden diese Erinnerungen durch die nur allzu präsenten Forderungen der neben ihm sitzenden Mutter sowie durch die Anrufe seiner hysterischen, wartenden Ehefrau...

Wenn man davon absieht, dass dieser zwar sehr symbolbeladene Riese unter der Brücke für mich in dieser Geschichte viel zu viel Raum einnimmt und als Wahrnehmung in einen zu realistischen Rahmen gepackt wird, fand ich die Art und WEise, wie hier ein gescheiterter junger Mann mit nicht wirklich geliebter Ehefrau sich durchaus auch mit leichtem Neid an das Leben seines Vaters und der Nähe zwischen ihnen erinnert, als sehr ansprechend. Wie hat dieser Mann es nur mit meiner Mutter ausgehalten, diesen Satz meint man aber auch zu lesen (auch wenn er nicht explizit dasteht) - denn als Leser hält man diese Frau kaum aus...

Es gibt etliche Mängel an dem Buch, vor allem gegen Ende, aber trotz aller Einschränkungen: ich habe mich an vieler Stelle auch amüsiert, mich an Portnoys Beschwerden erinnert gefühlt. Die Einwände vieler Kritiker, dass ihnen die Anspielungen auf bekannte Geistesgrößen und deren Verunglimpfung (Adornos Peitschen) sauer aufgestoßen wären, konnte ich nicht teilen, weil ich dazu ohnehin viel zu wenig darüber weiß, als dass es mich in der einen oder anderen Richtung tangiert hätte.

Peter Stephan Jungk

Peter Stephan Jungk wurde 1952 in Stanta Monica / Kalifornien geboren. Er wuschs in Wien und Berlin auf und studierte von 1974 abis 1976 am American Film Institute in Los Angeles. Seit über 10 Jahren veröffentlicht er Essays und literarische Porträts unter anderem im Frankfurter Allgemeinen Magazin und lebt heute als freie Schriftsteller in Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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