Doron Rabinovici - Ohnehin

Originaltitel: Ohnehin
Roman. Suhrkamp Verlag 2005
256 Seiten, ISBN: 3518457365

Stefan, ein junger Nervenarzt der sich vor allem mit dem Thema Erinnern und Vergessen beschäftigt, schafft es nicht, sich von den Erinnerungen an die Frau zu lösen, die ihn verlassen hat. Dann stellt er auch noch fest, dass die Zeit, die ihm sein Vorgesetzter großzügig zur Neuorientierung zur Verfügung stellt, wohl auch noch einen sehr persönlichen Hintergrund hat - aber bald schon ist der Klinikalltag von ihm abgefallen. Denn diesen Sommer verbringt Stefan hauptsächlich auf dem Wiener Naschmarkt, in Gesellschaft seiner Freunde, einem bunten Querschnitt durch die Wiener Gesellschaft. Und vor allem lernt er hier Flora kennen - eine junge Künstlerin, die aus Ex-Jugoslawien kam, und ihren Kameramann Goran. Doch während wenige Kilometer entfernt der Krieg tobt, ist einer seiner Patienten in einem ganz anderen Krieg stecken geblieben.

Der frühere Nachbar meint, sich im Jahr 45 zu befinden; und er, der SS-Mann, versteckt sich nun in der Wiener Wohnung. Alles, was danach geschah, ja, die Ereignisse von wenigen Minuten davor, hat er bereits wieder vergessen. Für seine Tochter ist es ein Schock; sie will ein GEständnis von ihrem Vater, will seine Reue.

Und was will Stefan von Flora? Er fragt sie nicht nach ihren Ängsten, ihren Sorgen, glaubt, sie will nicht darüber reden - und ahnt nicht, womit sie sich herumschlagen muss...

Gegen Ende wirkt das Buch etwas unzufriedenstellend, da sich die Geschichten nicht alle entsprechend verknüpfen, es nicht unbedingt eine "Moral von der Geschicht" gibt, die die einzelnen Handlungsstränge fester aneinanderknüpfen würde.

Man kann dem Autor auch vorwerfen, sich viel zu viele Themen aufgebürdet zu haben; 2. Weltkrieg, Jugoslawien-Krieg, Antisemitismus heute, die Fremdenfeindlichkeit in ÖSterreich, und und und...

Aber gerade das hat mir an diesem Buch ausgesprochen gut gefallen. Rabinovici zeigt hier ein Bild einer Zeit, in der in Österreich all diese Themen ganz massiv hochgekocht sind, als es die Waldheimaffäre gab, die Briefbomben, den Krieg - eine Phase, in der überall die Emotionen hochgekocht sind.

Die Stimmung im Land, die Hintergründe dazu, das hat der Autor in meinen Augen so lebendig beschrieben, so gut getroffen und durchleuchtet, dass ich das Buch trotz kleinerer stilistischer Mängel und Schwächen im Spannungsbogen trotzdem sehr gerne weiterempfehle.

Doron Rabinovici

Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren, lebt seit 1964 in Wien. Er ist Schriftsteller, Essayist und Historiker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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